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Der Piefke, das ungeliebte Wesen

3. November 2017

Es ist erstaunlich: während wir seit geraumer Zeit unsere südlichen Nachbarn ganz höflich nur mehr „Italiener“ nennen und wenig schmeichelnde Bezeichnungen wie „Katzelmacher“ oder „Itaka“ jüngeren Menschen Gott sei Dank nicht mehr bekannt sind, bezeichnen wir hierzulande unsere deutschen Nachbarn noch immer mit dem wenig liebevollen, eher abwertenden Begriff „Piefke“.

Über die Herkunft des Worts gibt es mehrere Thesen. Glaubhaft erscheint, dass das Wort Piefke (ein so genannter „Ethnophaulismus“) ursprünglich aus dem Schlesischen (pivo = Bier) kommt und dort entweder jemanden bezeichnet, der Bier ausschenkt oder gerne Bier trinkt, wie Thomas Hödlmoser und Sabrina Glas 2016 in den Salzburger Nachrichten schrieben[1].

Piefke war damals ein normaler Familienname im Norden von Deutschland, heute verzeichnet das deutsche Telefonbuch noch 65 Telefonnummern mit dem Nachnamen „Piefke“.

Seit knapp 180 Jahren ist aber „Piefke“ auch als Schimpfwort in Verwendung, und zwar als Bezeichnung für einfältige Spießbürger. Begründet hat das der Berliner Adolf Glasbrenner mit seiner erfolgreichen Komödie „Antigone in Berlin“ (1841), in der er eine dümmliche Figur namens Piefke auftreten lässt.

Einige Jahre nach der Premiere des Stücks zog dann ein Mitarbeiter des Autors nach Wien und hatte dort großen Erfolg mit einer humoristischen Zeitschrift, in der zwei dumm-derbe Charaktere namens „Piefke“ und „Pufke“ vorkommen. Die beiden kamen derart gut bei der Bevölkerung an, dass ihnen Johann Strauß Vater kurz vor seinem frühen Tod seine „Piefke-und-Pufke-Polka[2]“ (op.235) widmete.

Erst seit den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts verwenden wir jedoch „Piefke“ in Österreich als beleidigende Bezeichnung für Preußen. Denn unmittelbar nach der Schlacht von Königgrätz – im Juli 1866 –, die die Habsburger-Monarchie aufgrund der unterlegenen Technik verloren hatte, veranstalteten nämlich die Preußen in der Nähe von Gänserndorf (bei Wien) eine große Parade, in der ein gewisser Johann Gottfried Piefke die Militärmusik dirigierte.

Piefke war Komponist und Dirigent und gewiss keine Witzfigur, sondern ein gebildeter Schöngeist, wie Hubertus Godeysen in seinem Werk „Piefke. Kulturgeschichte einer Beschimpfung[3]“ belegt.

1871 komponierte Piefke übrigens seinen berühmtesten Marsch, „Preußens Gloria[4]“, der in den beiden Weltkriegen zum „Standardrepertoire der deutschen Militärmusik“ gehörte (Wikipedia).

Jedenfalls dürften die schmerzliche Niederlage gegen die Preußen sowie der zackig auftretende Kapellmeister Piefke die anwesenden Österreicherinnen und Österreicher in Gänserndorf derart beeindruckt haben, dass seit dieser Zeit „Piefke“ als Synonym für dumme, überkorrekte und stramme Preußen verwendet wurde.

Ein paar Jahrzehnte später, und zwar während des ersten Weltkriegs, hatte sich die Bedeutung schon auf alle Deutsche ausgeweitet. Das belegt Karl Kraus in seinen „Letzten Tagen der Menschheit“, als er einen Baron des k&k Kriegsministeriums sagen lässt, dass „wir schließlich keine Piefkes sind, wenn wir auch gezwungen sind mit ihnen…“

Seit Beginn des 20. Jahrhunderts steht „Piefke“ als beleidigender Begriff für unsere nördlichen Nachbarn in Verwendung. Felix Mitterers satirische „Piefkesaga“ trug in den 90er Jahren ihres zur weiteren Verbreitung des Begriffs in Österreich bei – sowie auch dazu, dass wir seit damals wissen, wie „Biffke“ richtig zu schreiben ist…

PS: Deutsche bezeichnen uns u.a. gerne als „Ösis” und Österreich als „Ösiland” – was eine Ableitung von “Ossi” sein dürfte und um einiges liebevoller klingt als „Piefkes”…

<rw>

[1] Vgl. http://www.salzburg.com/nachrichten/zeitung/sn/artikel/die-suche-nach-dem-allerersten-piefke-217174/

[2]  Hier können Sie sich die Polka anhören: https://www.youtube.com/watch?v=U4wPsmAEhHk

[3]  Hubertus Godeysen: Piefke. Kulturgeschichte einer Beschimpfung. Wien-Klosterneuburg. Edition va bene, 2010. ISBN 978-3-85167-238-1

[4]  Preußens Gloria bei Youtube: https://www.youtube.com/watch?v=5bYn-XTDDTQ

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