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Unser Gehirn und wir

24. Juni 2017


Anfang März 2017 erschien die deutsche Übersetzung von David Eaglemans Bestseller „The Brain. Die Geschichte von dir[1]“. Der amerikanische Autor, Professor an der Stanford Universität, ist Neurowissenschaftler und bietet mit diesem Werk einen gelungenen populärwissenschaftlichen Einstieg in das Gebiet der Hirnforschung.

Das Buch besteht aus sechs Kapiteln. Im ersten – „Wer bin ich?“ – befasst sich Eagleman mit den Dingen, die unsere Persönlichkeit bilden, und damit, wie sehr wir zeitlebens von Umwelteindrücken und Erfahrungen geformt werden. Denn unser Hirn – verglichen mit dem vieler Tiere – ist nicht statisch, sondern „dynamisch verdrahtet“ und damit nicht nur in der Kindheit und der Jugend sehr anpassungsfähig.

Als Beispiel führt der Autor die schwierige Fahrprüfung der Londoner Taxifahrer an, die sich das umfangreiche Straßennetz (25.000 Straßennamen!) der Großstadt einprägen müssen und deren Hippocampus[2] nach einigen Jahren Praxis deutlich vergrößert ist. Die gute Nachricht ist: die Plastizität des Gehirns bleibt bis ins hohe Alter erhalten und ermöglicht es sogar dem Organ, wichtige Funktionen, die ein defekter Teil nicht mehr übernehmen kann, durch andere Regionen – als „kognitive Reserve“ quasi – zu ersetzen.

Im zweiten Abschnitt – „Was ist die Wirklichkeit?“ – geht es darum, wie wir die Welt mit unseren Sinnen wahrnehmen und wie leicht unsere Wahrnehmung zu täuschen ist, ist doch die Welt lediglich eine Illusion. Festzuhalten ist, dass die Wirklichkeit – nicht nur – nach David Eagleman eine höchst subjektive Vorstellung ist, quasi eine Fernsehsendung, die speziell auf uns zugeschnitten ist. Unsere jahrelange Erfahrung konstruiert in unserem Hirn ein internes, sich ständig änderndes Modell der Welt, mit dem wir Stabilität schaffen und das uns hilft, das Chaos um uns zu verstehen.

In Kapitel drei – „Wer sitzt am Steuer?“ – beschreibt Eagleman die Macht des Unbewussten und die Fähigkeit des Gehirns, in den „Autopilot-Modus“ schalten zu können. Wer kennt solche teilbewussten Vorgänge nicht? Eigentlich wollte man ja zum Ort XY fahren, doch – zu dumm – weil die Route dorthin großteils auch der Weg ist, den wir sonst üblicherweise zum Haus unserer Eltern fahren, haben wir die gewünschte Abfahrt verpasst und müssen nun einen Umweg in Kauf nehmen…

Um Energie zu sparen und Ressourcen für andere Vorgänge zu haben, automatisiert also unser Hirn häufig wiederkehrende Vorgänge und lagert sie aus. Nur so ist es möglich, dass wir an sich schwierige Dinge wie Autofahren können, und uns dabei gleichzeitig mit dem Mitfahrer unterhalten und nebenbei auch noch das Radio bedienen können.

Im vierten Teil – „Wie entscheide ich?“ – geht es um die Kräfte, die uns helfen, Entscheidungen zu treffen. Das Kapitel beginnt damit, dass der Autor beschreibt, wie er bei einer Hirn-OP anwesend war und der Patient bei geöffnetem Schädel und mit Sonden im Gehirn seine Fragen beantwortete.

Treffen wir Entscheidungen, ändert sich die Spannung geringfügig im Gehirn. Dieser Vorgang lässt sich akustisch umsetzen – und beim Wunsch, eine Entscheidung zu finden, erzeugt das Gehirn über einen angeschlossenen Lautsprecher knackende Geräusche. Detailliert beschreibt Eagleman weiters das bekannte „Trolley-Dilemma[3]“, bei dem es darum geht, einen Menschen zu opfern, um vier andere zu retten. Unser Gehirn tut sich offenbar wesentlich leichter damit, nur einen Hebel umzulegen und damit den Tod eines Menschen zu verursachen, als selber jemanden in den Abgrund zu stoßen.

Bild: McGeddon[4]

Um die bei vielen Entscheidungen auftretenden internen Konflikte zu verdeutlichen, hat Eagleman Probanden mit dem untenstehenden Bild getestet. Testen Sie sich selber: Sie werden sehen, dass es gar nicht so einfach ist, in der angegebenen Reihenfolge die Farben der Schriften zu nennen!

Häufig, so Eagleman, treffen wir aber Entscheidungen nicht nur im Gehirn, sondern mithilfe unserer Instinkte und Emotionen. Unser Bauch bzw. der Körper entscheidet also oft mit.

Im fünften Teil – „Brauche ich dich?“ – betont der Hirnforscher, wie wichtig soziale Bindungen und soziales Engagement für ein gesundes Gehirn sind. Man kann zwar noch mit einer Hälfte des Gehirns gut leben, aber sozial ausgegrenzt ohne andere Menschen zu leben erzeugt Leid und kann uns krankmachen. Weswegen in zivilisierten Ländern Isolationshaft z. B. als Folter gilt und verboten ist.

Im letzten Teil des Buchs – „Wie werden wir sein?“ – befasst sich der Autor eher mit Spekulationen denn mit Fakten.

Er verweist auf die seiner Ansicht nach fantastischen Möglichkeiten, die sich ergeben könnten, wenn wir es eines Tages schaffen, Gehirn und Technik miteinander zu verbinden. Im letzten Abschnitt versteigt sich Eagleman in seiner Technikgläubigkeit ordentlich. Denn der technische Fortschritt ist ja seit Jahrzehnten wirklich beeindruckend, doch in humanitärer Hinsicht – man denke nur an den furchtbaren Krieg in Syrien und das hilflose Zusehen der Ersten Welt – hat sich nichts getan. Wie sinnvoll ewiges Leben denn sein soll oder auch das Hochladen der Inhalte eines genialen Gehirns ins künftige Internet, um dort virtuell weiterzuleben, darüber äußert sich der „Rockstar der Neurowissenschaftler“ der Hirnforschung leider nicht.

Das Buch „The Brain …“ ist mit zahlreichen Grafiken und Fotos ausgestattet und nicht nur deshalb gut zu konsumieren, sondern auch, weil es der Autor versteht, schwierige Sachverhalte in sehr einfache Sprache herunterzubrechen. Sollten Sie sich allerdings bereits mit dem Thema Hirnforschung beschäftigt haben, dann wird Sie dieses Buch eher nicht ansprechen.

Neurowissenschaftler scheinen übrigens einen ausgeprägten Geschäftssinn zu haben: Wie andere bekannte europäische Hirnforscher kann auch Herr Eagleman seine Botschaft bestens vermarkten, denn zusätzlich zum Buch bietet der Wissenschaftler eine sechsteilige Videoreihe auf DVD an, die er moderiert und die die BBC bereits ausgestrahlt hat. Tipp: auf Youtube sind alle sechs Teile verfügbar!

Das Buch

  • Eagleman, David; The Brain: Die Geschichte von dir; Pantheon Verlag, 2017; ISBN 978-3-570-55288-9

 

Interessant für

  • Gesellschaft, Kunst und Kultur; Mathematik, Naturwissenschaften und Ernährung;

 

<rw>

[1] Eagleman, David: The Brain: Die Geschichte von dir. Pantheon-Verlag. München. 2017

[2] Hippocampus: Teil des Hirns, der für das räumliche Gedächtnis verantwortlich ist,

[3] https://de.wikipedia.org/wiki/Trolley-Problem abgerufen am 5. 4. 2017

[4] https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Trolley_problem.png, CC-BY-SA 4.0 (30.3.17)

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