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Digitale Medien: ja, nein, ein bisschen?

24. Juni 2017


Digitale Demenz?

Manfred Spitzer, Mediziner und bekanntester sowie extremer Gegner digitalen Lehrens und Lernens, sieht im Einsatz von Tablets und Apps große Gefahren. Sie hätten Bluthochdruck, schlechte Noten und Konzentrationsstörungen zur Folge und machten nicht klug, sondern abhängig.

In der Ö1-Sendung „Das medialisierte Kind“ vergleicht er digitale Medien mit dem berühmten „Mohnlutscher“ vergangener Zeiten, mit denen Kinder ruhig gestellt wurden.

Sein Buch „Digitale Demenz“ wurde ein Bestseller, die Daten zur Mediennutzung kann uns zu denken geben: Laut einer Befragung von 43.500 Schülerinnen und Schülern verbrachten deutsche Jugendliche im Durchschnitt 7,14 Stunden täglich mit Medien. Der Gebrauch von Handys und mp3-Playern war dabei nicht berücksichtigt.

Ausschnitt des Buches sind hier zu finden: https://www.droemer-knaur.de/livebook/LP_978-3-426-27603-7/downloads/livebook.pdf

Die Befürworter neuer Medien, schreibt er, erinnerten ihn an berühmte Vorgänger:
„Im Jahre 1913 schrieb Thomas Edison – der Erfinder der Glühbirne, des Plattenspielers und des Kinos – in einer New Yorker Zeitung: ‚Bücher werden in Schulen bald obsolet sein … Es ist möglich, jeden Zweig des Wissens der Menschheit mit Hilfe von Filmen zu lehren. Unser Schulsystem wird innerhalb von zehn Jahren vollkommen verändert sein.‘
Als knapp fünfzig Jahre später das Fernsehen aufkam, gab es ähnlich optimistische Stimmen, die meinten, man könne nun endlich Kultur, Werte und Wissen bis in die letzten Winkel der Welt bringen und so den Bildungsstand der Menschheit insgesamt deutlich verbessern.
Noch einmal fünfzig Jahre später bringt der Computer die Leute dazu, wieder von völlig neuen Möglichkeiten zu sprechen, die das Lernen in der Schule revolutionieren werden. Dieses Mal ist allerdings alles anders, werden Scharen von Medienpädagogen nicht müde zu betonen. Dabei sind wir schon Zeuge des Aufstiegs und Falls des E-Learning geworden, so wie wir in den siebziger Jahren das Scheitern von Sprachlaboren und Programmiertem Unterricht erlebt haben.“

Oder digitale Hysterie?

Der Psychologe Georg Milzner warnt vor solchem Alarmismus. Neue Medien wären eine Möglichkeit, mit Jugendlichen „ins Gespräch zu kommen“.

Ja, sie ermüden bei längeren Texten schneller, weil Internet und Co. dazu verleiten, nicht ins Detail zu gehen.

Ja, sie seien „feedback-orientiert“, sie wollen also so schnell wie möglich eine Rückmeldung. Das sollte man aber eher als Kulturwandel begreifen, nicht als Gefahr für das Lernen an sich.

Peter Vitouch, ehemaliger Professor für Publizistik und Kommunikationswissenschaft an der Uni Wien, erinnert sich beispielsweise an den Ausspruch seiner Großmutter:
„Nehmt’s dem Buben die Bücher weg, der wird noch ganz dumm im Kopf.“

Kulturen ändern sich. Was in den 1950er Jahren noch als „Schmutz und Schund“ bezeichnet wurde und in einem eigenen Gesetz geregelt wurde, gilt heute als Bestandteil der Gesellschaft.

Wie also umgehen mit den digitalen Medien?

Wo ist der goldene Mittelweg?

Auch Georg Milzner ist kein dogmatischer Befürworter digitaler Medien. In einem Interview mit dem Spiegel sagt er:
„Bei uns zu Hause gilt: keine Bildschirmgeräte, bevor die Hausaufgaben gemacht sind; und auch keine Computerspiele mehr nach halb acht Uhr abends. Aber nach exakt 30 Minuten ein Spiel beenden zu müssen, ist unrealistisch. Sie hören doch bei einem spannenden Roman auch nicht mitten im Satz auf zu lesen. Spiele haben eigene Sinneinheiten. Auch die WhatsApp-Gruppe der Schulklasse ist okay, aber bei jüngeren Kindern sollten die Eltern mitlesen.

SPIEGEL ONLINE:
Verlieren die Kinder nicht wichtige Kompetenzen, wenn sie mehr daddeln, als dicke Bücher zu lesen?

Milzner:
Einem Literaturprofessor mag das so erscheinen. Unsere Kinder müssen aber in der Welt von morgen zurechtkommen, und die wird anders sein als die, in der wir groß geworden sind.“

 

In diesem Sinn: Der technische Fortschritt ist vielleicht kleiner, als er aussieht (Nestroy), aber es bringt nichts, ihn zu verleugnen. Was Lehrerinnen und Lehrer lernen sollten – ihn sinnvoll nützen. Apps und Co. für Wunderwutzis des Lernens zu halten ist wohl genauso falsch, wie sie zu ignorieren.

 

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