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Franz Grillparzer (1791 – 1872)

1. November 2016

grillparzer
225 Jahre ist es her, dass ein Österreicher geboren wurde, der in vielerlei Hinsicht als „typischer Österreicher“ gilt: Franz Grillparzer.

Das liegt nicht nur an seiner Tätigkeit als Beamter, sondern vor allem an seiner Literatur. Aber der Reihe nach:


Als Sohn eines angesehenen Rechtsanwalts studierte er, keine große Überraschung, Rechtswissenschaften.

Mit 20 Jahren schloss er das Studium ab, wurde erst Privatlehrer, dann Beamter.
Mit 30 Jahren wurde er von der Hofkammer ins Finanzministerium versetzt,
mit 41 Jahren wurde er Direktor des Hofkammerarchivs und
mit 65 Jahren Pensionist.

Und währenddessen schrieb er.

Von der „Ahnfrau“ mit 26 Jahren über „Sappho“, von „König Ottokars Glück und Ende“ über den Traum, der ein Leben ist („Der Traum, ein Leben“), von „Weh dem, der lügt“ über „Ein treuer Diener seines Herrn“:
Der Mann schrieb, was das Zeug hält. Neben seinen vielen Theaterstücken noch das Libretto für die Oper „Melusina“, das Beethoven leider nicht vertonte.

Nach seinem Tod im Alter von 81 Jahren hatte er es zu einer Werkausgabe von 42 Büchern gebracht.

Außerdem zum Ehrenbürger seiner Heimatstadt Wien, zu einem Denkmal im Volksgarten und zur Abbildung auf dem 100-Schilling-Schein der österreichischen Republik – das war vor dem Beitritt Österreichs zur EU.

Der Nationaldichter

Zu meiner Schulzeit wurde er gerne als „Nationaldichter“ bezeichnet, damals, als viele Menschen Österreich noch nicht als Nation, sondern als traurigen Rest einer Monarchie betrachteten, manche in den späten 1980er Jahren sogar als „ideologische Missgeburt“.

Grillparzers Stücke fand ich als Schüler, der ihn lesen musste, ziemlich langweilig, seine Sprache ermüdend. Sie orientierte sich an längst vergangene Zeiten.

Dabei ist der Mann eine nahezu perfekte Allegorie für das, was im positiven Sinn als „typischer Österreicher“ bezeichnet wird:
Er war loyal und kritisch. Eine Kombination, die vielen Herrschenden nicht passte.

Kaiser Franz Joseph etwa versuchte, das Stück „Ein treuer Diener seines Herrn“ dadurch zu sabotieren, indem er das Stück „privat“ aufkaufen wollte und zwar so vollständig, dass niemand mehr es hätte lesen oder aufführen können.

Allerdings war der Text bereits so zahlreich im Handel, dass ihm das nichts nützte.

Das Stück wurde ein Erfolg.

Zensur

Besser gelang die Unterdrückung einiger seiner Gedichte.
Etwa jenes, das sich sprachlich durchaus modern und inhaltlich recht aufmüpfig gibt:

Alpenszene

Hoch auf den höchsten Höhen

Gedeiht am besten das Rindvieh,

Da wohnen die seligen Trotteln

Dem Himmel etwa am nächsten,

Doch freilich am fernsten der Erde.

So leben sie friedliche Tage,

Erzeugen maulaffende Kinder,

Der Vater erneut sich im Sohne

Und ruhig auf Trottel den Ersten,

Wie Butter, folgt Trottel der Zweite.

 

Ob sich die Habsburger beleidigt fühlten?

Nach dem Misserfolg seines Stückes „Weh dem, der lügt“ zog sich Grillparzer vom Theaterleben zurück.

Er verwahrte sich danach nicht nur gegen weitere Aufführungen seiner neuen Stücke, sondern verfügte in seinem Testament, dass seine drei Altersdramen vernichtet werden sollten.

Daran scheiterte er ebenso wie Thomas Bernhard.

Ein Zufall?

Oder gibt es Parallelen zwischen dem Schriftsteller aus dem 20. Jahrhundert und dem aus dem 18. Jahrhundert?

Ein Vergleich zwischen den beiden Schriftstellern würde sich für den Unterricht lohnen. Ebenso wie eine Auseinandersetzung mit den unterschiedlichen Formen von Zensur im digitalen Zeitalter.

 

Weitere Informationen

 

Interessant für

  • Deutsch; Sprache und Kommunikation; Gesellschaft, Kunst und Kultur;

 

Ideen und Stichworte

  • Welche Arten von Zensur gibt es heute?
  • Sind davon nur autoritäre Gesellschaften betroffen?
  • Üben digitale Medien Zensur aus?
  • Was sind die Unterschiede (und Gemeinsamkeiten) von Zensur im digitalen und „vor-digitalen“ Zeitalter?

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Tags: 04 Österreich und die Welt