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Algorithmen – Segen oder Fluch?

1. November 2016

algorithmen
Wissen Sie, was ein Algorithmus ist? Falls Sie ein computeraffiner Mensch sind, haben Sie diesen Begriff bestimmt einmal gehört und können sich ein Bild davon machen. Aber auch wenn Sie mit Computern eher wenig zu tun haben, sind Sie mit Algorithmen heute fast täglich konfrontiert.

Obwohl das Wort ähnlich klingt wie „Rhythmus“, hat es übrigens damit nichts zu tun, denn es geht zurück auf den arabischen Gelehrten Al-Chwarizmi, der um das Jahr 800 in Bagdad lebte und ein Buch über mathematische Verfahren verfasste.

In der Mathematik handelt es sich bei diesem Begriff um Anweisungen, um Rechenschritte, wie eine bestimmte Aufgabe zu lösen ist. In der Informatik bezeichnet man damit eine Abfolge von Befehlen bzw. einen Teil eines (Computer-)Programms, das zur Lösung eines spezifischen Problems geschrieben wurde.

Für relativ neue Kunden von Amazon ist es stets faszinierend, wenn sie beim wiederholten Besuch des Online-Shops entsprechende Artikel angeboten bekommen, die ihnen auch gefallen könnten. Die von Amazon verwendeten Algorithmen empfehlen uns als Kunden bestimmte Produkte auf der Basis unserer bisherigen Einkäufe und so erhalten wir vollautomatisch Hinweise auf Bücher, Musik, Filme oder andere Produkte, die uns wahrscheinlich auch gefallen dürften.

Der Videodienst Netflix arbeitet ähnlich kunden„freundlich“ und speichert alles ab, was wir angesehen haben. Spezielle Algorithmen bieten uns beim nächsten Besuch auf der Basis unseres bisherigen Verhaltens eine individuell zusammengestellte Filmauswahl an bzw. erhalten Abonnentinnen und Abonnenten seit kurzem eine Mail, wann immer ein Film oder eine Dokumentation neu im Programm ist, den Netflix ihren Vorlieben zuordnen kann. Derzeit arbeiten die Netflixprogrammierer offenbar daran, mithilfe eines Algorithmus herauszufinden, welchen Film sich ein Abonnent wohl als nächstes ansehen wird.

Auch Google verwendet Algorithmen, um die für uns relevantesten Suchergebnisse aufzulisten. Deswegen sammelt die Suchmaschine im Hintergrund jede Menge Daten über unser Surfverhalten, über unseren Aufenthaltsort und vergleicht die aktuelle Suche mit allen vergangenen, um daraus ein individuelles Suchergebnis zusammenzustellen. In anderen Worten: wenn zwei Menschen in einem Raum an zwei Rechnern dieselbe Anfrage über Google stellen, erhalten sie wahrscheinlich unterschiedliche Ergebnisse.

Algorithmen im Alltag

Man muss jedoch nicht unbedingt einen Computer sein Eigen nennen, um von dieser Technologie zu profitieren, denn Algorithmen verrichten auch selbst in schlichten Haushaltsgeräten ihre Arbeit. Gute Waschmaschinen und Geschirrspüler bestimmen seit vielen Jahren mittels Algorithmen den Verschmutzungsgrad der Wäsche oder des Geschirrs und legen automatisch fest, wie lange das Programm dauern muss, damit der Inhalt sauber wird. Ermöglicht wird das durch die so genannte „fuzzy logic[1]“, einen Algorithmus, der nicht wie sonst in der Computerwelt nur zwischen ja und nein unterscheiden, sondern der auch Abstufungen feststellen kann!

Moderne Autos verwenden viele Algorithmen und schalten z. B. bei einbrechender Dunkelheit das Licht ein oder die Scheibenwischer, wenn es zu regnen beginnt. Auch in Verkehrsampeln arbeiten Algorithmen und wenn Sie mithilfe ihres Navis ein unbekanntes Ziel erreichen wollen, dann verwendet es ebenfalls diese Technologie, um Ihnen die kürzeste oder auch schnellste Strecke anbieten zu können.

Das wird meist gut funktionieren, muss aber nicht:
Spätestens, wenn Sie das Gerät auf einen holprigen Feldweg gelenkt hat, um Sie auf dem kürzesten Weg zu einem guten Restaurant zu bringen, wissen Sie, dass – wie Lenin gesagt haben soll – Vertrauen gut, Kontrolle aber besser ist.

Manchmal ist es daher unerlässlich, auf ein analoges Mittel wie eine Landkarte zurückzugreifen. Schlechte Navis führten übrigens nicht wenige Lenker von 40-Tonnern auf der Suche nach der vermeintlich kürzesten – und billigsten – Route durch viel zu schmale und daher unpassierbare Gässchen von historischen Städten, von wo sie nur mehr mit fremder Hilfe wieder herausgezogen werden konnten!

Der MIT-Professor und Künstler Kevin Slavin[2] weiß, dass Computerprogramme derzeit bereits 70 % aller Transaktionen der amerikanischen Börsen durchführen  und mit enorm hoher Geschwindigkeit Aktien etc. kaufen und verkaufen, viel schneller also, als das ein menschlicher Trader je tun könnte. Weil es daher beim maschinellen Börsenhandel auf Sekundenbruchteile ankommt, wurde 2013 quer durch Amerika eine neue Datenleitung für die Börsen von New York und Chicago verlegt. Und auch auf den internationalen Aktienmärkten haben Algorithmen inzwischen die Aufgabe übernommen, diverse Börsenaktionen getarnt durchzuführen, während andere Algorithmen speziell dafür programmiert sind, um diese zu finden und entsprechend darauf zu reagieren.

Wissen ist Macht?

So sind Algorithmen einerseits eine sehr nützliche Sache, die hilfreich sind und uns Entscheidungen und Arbeit abnehmen. Andererseits übergeben wir, wenn wir an Google, Facebook, Netflix, Amazon etc. denken, den amerikanischen Datensammlern freiwillig enorm viele, teilweise sehr persönliche Daten – was es in diesem Ausmaß noch nie in unserer Geschichte gegeben hat.

Während früher der Angestellte in der Videothek um die Ecke und die freundliche Dame in der Stadtbücherei unseren Geschmack kannten und uns im Rahmen eines netten Gesprächs passende Neuerscheinungen anboten, übernehmen diese Aufgabe nun globale Konzerne, die mit jeder einzelnen Suchanfrage, mit jedem Kauf eines Buchs und mit jeder neuen Serie, die wir konsumieren, ein immer klareres Bild von uns erhalten und über uns immer mehr Informationen sammeln. Ist das nicht mehr als bedenklich?

Wie Kevin Slavin aufzeigte, ist es inzwischen nicht mehr selten, dass wie in einem Computerspiel ein Algorithmus an irgendeinem renommierten Handelsplatz der Welt gegen einen anderen antritt, um irgendwelchen Maklern in wenigen Sekunden unglaublich viel Geld einzubringen. Wobei es jedoch nicht um Spielgeld geht, sondern vielmehr um echtes!

Im Jahr 2008 ging es z. B. um nicht weniger als um die Pensionsversicherung und die Hypotheken von Millionen von Menschen, die ihr Leben lang hart dafür gearbeitet haben. Und auch das lässt einen am vermeintlichen Fortschritt durch die Technologie der Algorithmen stark zweifeln!       

 

Weitere Informationen

 

<rw>

[1]    http://mathematica.ludibunda.ch/fuzzy-logic-de6.html abgerufen am 27. 9. 2016

[2]    Sehen Sie dazu Kevin Slavins spannenden Ted-Vortrag (deutsche Untertitel!):

www.ted.com/talks/kevin_slavin_how_algorithms_shape_our_world

abgerufen am 27. 9. 2016

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