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Hass im Internet

13. Oktober 2016

Hass im Internet von Ingrid Brodnig

Vom Hass im Netz – und was dagegen zu tun ist.

Ingrid Brodnig hat ein bemerkenswertes Buch geschrieben.

Hass im Netz, Untertitel: Was wir gegen Hetze, Mobbing und Lügen tun können.

Bemerkenswert ist das Buch in vielerlei Hinsicht.
Erstens kann die Autorin verständlich schreiben. Das klingt einfacher als es tatsächlich ist.
Zweitens – denn verständlich schreiben muss bei Leserinnen und Lesern nicht automatisch zu Erkenntnissen führen – schafft Ingrid Brodnig es, Informationen im Kopf der Lesenden entstehen zu lassen.

Ich habe von ihr etwa den Begriff Echoraum gelernt, der sehr einleuchtend ist. Der moderne Internet-Mensch ist zwar permanent digital vernetzt, aber hauptsächlich mit jenen, die seine/ihre Meinung teilen.

Mann und frau rufen in den Internet-Wald hinein – und genauso schallt es zurück.

Mein Echoraum

Als ich den Echoraum in meiner Umgebung thematisierte, tröstete mich die Tatsache, dass den Begriff auch andere nicht kannten.

Aber was in einem Echoraum passiert, war für die meisten verständlich:
Wer sich ausschließlich mit jenen austauscht, die ständig die eigene Meinung bestätigen, wird die Welt in ihrer Vielfalt nicht bemerken.

Und genau das geschieht in jenen Medien, die „social media“ genannt werden: Wir bestätigen einander unsere Urteile und Vorurteile. Das gilt nicht nur für „rechte“
oder „konservative“ Benutzerinnen und Benutzer, sondern auch für „linke“ oder „intellektuelle“.

Samuel Morse, berühmter Wissenschafter und Erfinder des Morse-Alphabets, befürchtete etwa, der österreichische Kanzler Metternich würde jesuitische Agenten nach Amerika schleusen mit dem Ziel, einen Habsburger zum Kaiser der USA zu machen.

Ähnliche Ansätze, die vor einer Islamisierung Europas oder einer Laus im
Joghurt
warnen, kennen wir auch aus der nahen Geschichte und der Gegenwart.

Aber meinen die Urheber/innen hasserfüllter Kommentare ihre Aussagen ernst?

Nicht, wenn man ihnen gegenüber sitzt.

Ingrid Brodnig hat sich mit einigen (wenigen, die meisten fürchten offenbar die direkte Auseinandersetzung) solcher Menschen getroffen.

„Als ich schließlich doch mehrere Kommentatoren treffen konnte, handelte es sich meist um ruhige, freundliche Menschen: Der „Makronaut“ (Pseudonym eines Posters, AdA) zum Beispiel: Er saß mit mir in seiner Altbauwohnung, ein schlaksiger, gebildeter Mann, Mitte 30. Er hatte einen Job, der ihm viel Freizeit ließ. Im persönlichen Gespräch wirkte er eher zurückhaltend, dachte lange nach, ehe er antwortete. Im Netz hingegen fiel er mit seiner Streitlust auf.“ (S. 16)

Das Internet ist scheinbar anonym, obwohl das nicht stimmt: Die meisten Nutzer/innen sind über die Adresse ihres Computers erfassbar. Aber dieses Wissen hat sich noch nicht durchgesetzt und wohl auch deshalb schreiben Menschen Sätze, die sie so kaum jemandem direkt sagen würden.

Die Autorin vergleicht einen (erdachten) Fall in der Realität mit einer im Netz:
„Stellen Sie sich vor, Sie stehen an der Supermarktkassa und der Mann vor ihnen rastet vollkommen aus: Die Kassiererin hat seine Mineralwasserflasche fallen gelassen … Der Mann beginnt zu schreien, bezeichnet die Frau als ‚Trampel‘ oder als ‚dumme Schlampe‘, die ‚niemals geboren hätte werden‘ sollen. Wie reagieren Sie in einem solchen Fall? Ich wette, Sie schauen zumindest verblüfft. … Womöglich erheben Sie sogar die Stimme, sagen etwas wie: ‚Hören Sie auf, so mit der Frau zu reden!‘“ (S. 17)

Im Internet sind solche Schimpf-Aktionen häufig, konkrete Reaktionen darauf selten. Der fehlende Augenkontakt ist wohl einer der Gründe für beleidigende und erniedrigende Sätze im Netz.

Das Internet ist aber nicht nur ein scheinbar anonymer Raum, er birgt auch weitere Gefahren, nämlich die einer völlig neuen, unsichtbaren Zensur:
Verstand man in vor-digitalen Zeiten darunter Machthaber, die bestimmte Texte schlicht verboten haben und auf schwarze Listen setzten, geschieht die digitale Zensur unauffällig und mit einem schlichten Programm, dem Algorithmus.

Algorithmus: der (digitale) Zensor

Ob Handy, PC oder Tablet: Auf Grund unseres bisherigen Verhaltens dort werden wir von einem Programm, einer Software „berechnet“, ausspioniert und ein individuelles Nutzer-Profil von uns erstellt. (Siehe HUM-Magazin 019, Das Internet der Dinge)

In der Folge werden auch digitale Nachrichten so zugestellt, dass sie auf das „Profil“ der Benutzer/innen passen. Mit anderen Worten: Es findet permanent eine unsichtbare, sozusagen „sensible“ Zensur statt.

Das Perfide daran: Der digitale Zensor verrichtet seine Arbeit tatsächlich anonym und ohne unser Wissen. Wie der Algorithmus funktioniert, gilt nämlich als Betriebsgeheimnis der Unternehmen.

Zusammenfassung

Weil ich das höchst interessante und lesenswerte Buch von Ingrid Brodnig nicht in allen Einzelheiten besprechen kann, hier eine Zusammenfassung einiger darin enthaltener Themen:

  • Warum Hassmeldungen so erfolgreich sind
  • Lügengeschichten und Fälschungen – Warum Richtigstellungen oft nicht reichen
  • Was tun gegen Falschmeldungen?
  • Wie man sich juristisch wehren kann
  • Was jeder von uns tun kann
  • Plädoyer für ein Internet, in dem Verantwortung übernommen wird

Ein Buch, das für alle Pädagoginnen und Pädagogen zur Pflichtlektüre empfohlen wird, weil es den digitalen Alltag verständlich macht. Und auf seine Gefahren hinweist.

Das Buch

  • Brodnig, Ingrid; Hass im Netz – Was wir gegen Hetze, Mobbing und Lügen tun können; Brandstätter Verlag, 2016; ISBN 978-3-7106-0035-7

Weitere Informationen

Ideen, fächerübergreifend

  • Was ist der Unterschied zwischen einem Urteil und einem Vorurteil?
  • Wir suchen konkrete Beispiele für Vorurteile und ihre Widerlegung
  • Welchen Quellen kann ich vertrauen?

 Interessant für

  • Gesellschaft, Kunst und Kultur; Sprache und Kommunikation;

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