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Interessantes für Bildungsinteressierte

„Wie wirklich ist die Wirklichkeit?“

28. Mai 2016

wirklichkeit
Kärnten hat nicht nur die Lyrikerin Ingeborg Bachmann zu bieten, sondern auch den 1921 in Villach geborenen Kommunikationsforscher und Psychotherapeuten Paul Watzlawick.

Mit seinem 1976 zum ersten Mal veröffentlichten Buch „Wie wirklich ist die Wirklichkeit?“ hat er eine leicht lesbare und mitunter auch sehr amüsante Einführung in menschliche (und tierische) Kommunikation geschrieben.

Ein Kapitel des Buches beschäftigt sich auch mit Desinformation – ein Thema, das nicht erst seit den so genannten „social media“ eine Rolle spielt, aber seit deren Erfindung immer bedeutender wird.

Geheimdienste haben diesem Bereich schon immer große Aufmerksamkeit geschenkt, dort wird ganz bewusst gelogen. Schlimmer sind jene Kommunikationskanäle, die so genannte „Wahrheiten“ verbreiten.

In all den Medienmassen, die heute auf Jugendliche wie Erwachsene einstürzen, ist ein besonders kritischer und analytischer Verstand gefragt. Aber zurück zur Basislektüre, dem Buch von Paul Watzlawick.

Der Kluge Hans

Der Kommunikationsforscher erzählt in seinem Buch einige faszinierende Geschichten. Eine handelt von einem Pferd namens Hans, es wurde Anfang des vorigen Jahrhunderts zu einem Trauma für die Wissenschaft.

Dieses Pferd konnte nämlich rechnen!

Es klopfte das Ergebnis von Rechenaufgaben mit seinem Huf, für die Beantwortung von Textaufgaben verwendete es eine einfache Kryptographie: ein Mal klopfen bedeutete A, zwei Mal klopfen B und so weiter.

Das glaubte anfangs nur sein Besitzer, ein pensionierter Lehrer. Im Laufe der Zeit wurde Hans, auch dank der Medien, so berühmt, dass eine Kommission aus 13 Wissenschaftern sich mit ihm beschäftigte. Und tatsächlich mussten die ehrwürdigen Herren, darunter Mitglieder der Preußischen Akademie der Wissenschaften und der Universität Berlin, bestätigen, dass der Kluge Hans rechnen konnte.

Wenige Monate nach dem hoch-wissenschaftlichen Beweis gelang einem anderen Forscher eine ganz andere Lösung des Rätsels: Das Pferd antwortete nämlich gar nicht oder falsch, wenn auch jener Mensch, der die Frage stellte, die Antwort nicht wusste.

Der Kluge Hans hatte offenbar überaus empfindsame „Antennen“ für die non-verbale Ausdrucksweise der Menschen entwickelt und klopfte sozusagen das, was die Menschen hören wollten.

Leider stürzte sich die Wissenschaft nicht sofort auf dieses interessante Ergebnis, sondern ertrug die öffentliche Blamage so schlecht, dass sie jahrzehntelang von Kommunikation zwischen Mensch und Tier die Finger ließ.

Schade, aber das ist nur eines von mehreren Beispielen, wie Kommunikation funktionieren kann – oder eben nicht.

Die zerkratzten Windschutzscheiben

Wer ein bestimmtes Auto kaufen will, dem fallen merkwürdigerweise diese Autos im täglichen Verkehr häufig auf. Wie viele es von seiner Art doch gibt! Oder sehen wir nur anders hin?

So wie jene Bewohnerinnen und Bewohner in Seattle, die Anfang der 1950er Jahre feststellen mussten, dass immer mehr Windschutzscheiben ihrer Autos zerkratzt waren.

Die Zeitungen – damals noch eines der wichtigsten Medien – hatten das Problem rasch aufgegriffen und bald gab es zwei Theorien: Eine machte russische Atomtests dafür verantwortlich, die andere frisch asphaltierte Autostraßen, die wegen eines ehrgeizigen Straßenbauprogramms gebaut worden waren.

Das Phänomen nahm so verheerende Ausmaße an, dass der damalige Präsident Eisenhower Sachverständige nach Seattle schickte. Die überprüften zuerst die Anzahl zerkratzter Windschutzscheiben und stellten fest, dass es seltsamerweise keine objektive Zunahme an Kratzern gab.

Des Rätsels Lösung: Nach den immer zahlreicheren Berichten sahen immer mehr Menschen ihre Scheiben an. Tatsächlich waren sie zerkratzt – aber das waren sie schon immer. Bloß hatte zuvor niemand seine Windschutzscheibe so genau betrachtet.

Paul Watzlawick: „Die meisten taten dies, indem sie sich von außen über die Scheiben beugten und sie aus kürzester Entfernung prüften, statt wie bisher von innen durch die Scheiben durchzusehen. In diesem ungewöhnlichen Blickwinkel hoben sich die Kratzer klar ab, die normalerweise und auf jeden Fall bei einem im Gebrauch stehenden Wagen vorhanden sind. Was sich also in Seattle ergeben hatte, war keine Epidemie beschädigter, sondern angestarrter Windschutzscheiben.“ (Seite 84 ff.)

Das Gerücht von Orléans

Wozu Gerüchte führen können, zeigt ein anderes Beispiel aus 1969. Es waren unsichere Zeiten, in denen ein aufsehenerregendes Gerücht die Runde machte:
Angeblich seien in Boutiquen von Orléans Frauen überwältigt und betäubt worden.

Angeblich vermisste man bereits 28 Frauen, ein Schuhgeschäft hätte zur Betäubung der Opfer Schuhe verwendet, in denen Injektionsvorrichtungen versteckt gewesen wären.

Das Gerücht „nahm einen ausgesprochen antisemitischen Charakter an. Das uralte Thema des Ritualmordes tauchte auf und begann die Runde zu machen.“ (S. 87)

Laut Polizeiberichten stand fest, „dass nicht eine einzige Frau, geschweige denn 28 in Orléans vermisst wurden. In dieser Beschränkung auf die reinen Tatsachen übersahen die Behörden aber, dass das Problem im Bestehen des Gerüchts und nicht in seinem Wahrheitsgehalt lag. … Die Gefahr eines Pogroms war unleugbar.“ (S. 87)

Am nächsten Tag brachte das Ergebnis einer demokratischen Wahl eine Entspannung der Situation – und „sehr bald gewann die Vernunft die Oberhand.“

Rettung in letzter Not, allerdings nicht durch den plötzlichen Einsatz der Vernunft, sondern durch ein zufälliges Ereignis.

Ein Buch, das viele Beispiele für unterschiedliche Wahrnehmung der Wirklichkeit(en) bietet und als Basis für den kritischen Umgang mit Medien und der eigenen Wahrnehmung dient.

 

Das Buch

  • Watzlawick, Paul; Wie wirklich ist die Wirklichkeit?; Serie Piper, 1978;
    ISBN:3-492-00474-1

Interessant für

  • Wirtschaft; Gesellschaft, Kunst und Kultur; Sprache und Kommunikation; Geschichte und politische Bildung; Mathematik und Naturwissenschaften;

Ideen, fächerübergreifend

  • Ist das bestehende Unsicherheitsgefühl objektiv gerechtfertigt?
  • Was sagen Kriminalstatistiken über die Sicherheit in einem Land aus?
  • Unterschiedliche Zeitungsartikel zum gleichen Tatbestand vergleichen

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