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Wer hat Angst vor dem bösen Wolf?

28. Mai 2016

rezension
„Leitwölfe sein“ 
lautet der Titel des neuen Buches[1] des fleißigen Familientherapeuten und Pädagogen Jesper Juul.
Das Bild des Wolfes hat der Autor gewählt, um Orientierung und Rat suchende Eltern darin zu bestärken, wie ein Wolf im Rudel auch in der eigenen Familie die Verantwortung und die Führungsposition zu übernehmen.

Während wir den Wolf oft noch als gefährliches und aggressives Tier sehen – man denke z. B. an die Rolle des Tieres in der Literatur –, sieht Juul ihn hingegen als positives Beispiel. Denn wie die jüngere Forschung belegt, weisen Wölfe ein hohes Maß an sozialer Intelligenz auf. Und daher wünscht sich Juul eine Trendwende und Eltern, die stark sind und in der Familie die Rolle der Leitwölfe übernehmen.

Immer wieder erinnert er im Buch an seine eigenen Eltern, an seine Kindheit, in der – anders als heute – vieles so einfach und klar schien: In der patriarchalischen Gesellschaft war die Rolle des Mannes als „Haushaltsvorstand“ unumstritten

Traditionell wurde damals „das Aufziehen bzw. die Erziehung von Kindern als Einbahnstraße gesehen“ (S. 29), denn Erwachsene entschieden und Kinder mussten bedingungslos gehorchen. Es galt ja, Kinder zu anpassungsbereiten, höflichen und gehorsamen Erwachsenen zu formen, die brav das System mittrugen.

Auf individuelle Unterschiede und einen eigenen Willen legte man keinen Wert. Es galt, den Willen eines Kindes rechtzeitig zu brechen, damit daraus ein erfolgreicher Erwachsener werden könne. Und niemand, so Juul, war daran interessiert, „wer wir als Individuen waren und wie wir uns fühlten.“ (S. 93)

Dies änderte sich erst durch die aufkeimende Jugendkultur und die antiautoritäre Bewegung in den 60er-Jahren, die die „jungen Erwachsenen dazu brachte, auch ihre Rolle in Bezug auf die Kinder zu hinterfragen“ (S. 22) – und zu ändern.

Allerdings brachte die 68er-Bewegung mit sich, dass sich heute viele Eltern und Pädagog/innen schwer dabei tun, ob all der vielen „guten“ Empfehlungen und Ratschläge ihre eigentliche Position und ihre Aufgabe in der Familie bzw. Klasse zu finden und zu erfüllen.

Denn persönliche Autorität, so der Autor, kann einem – anders als über viele Generationen praktiziert – nicht verliehen werden, sondern gründet sich vor allem auf „Selbstwertgefühl, Selbsterkenntnis, Selbstachtung und Selbstvertrauen“.

Nach all den positiven, doch auch fragwürdigen Entwicklungen, die das Jahr 1968 mit sich brachte, plädiert Juul deswegen dafür umzudenken und prägte bereits vor zehn Jahren den Begriff „Gleichwürdigkeit“ als Basis für eine funktionierende Beziehung. In einer gleichwürdigen Beziehung nehmen die Partner die Wünsche, Anschauungen und Bedürfnisse des anderen gleich ernst und ignorieren sie nicht mit dem Hinweis auf Geschlecht oder Alter des anderen.

Wann immer Jesper Juul seine Eltern zitiert, die ihn z. B. noch als Erwachsenen daran erinnerten, dass aus ihm wohl kein anständiger Mensch geworden wäre, hätte es ihre Erziehung nicht gegeben, kritisiert er sie jedoch nie.

Sie wussten es nicht besser, schreibt er entschuldigend, gehörten sie doch einer Generation an, in der man das eigene Rollenbild nicht hinterfragen durfte, weil alle Aufgaben klar verteilt waren: Die Frauen kümmerten sich um Haushalt und Kindererziehung und die Männer um den Broterwerb.

Innerhalb dieser männlich dominierten Machtstrukturen war es nicht nur für Kinder unmöglich, nein zu sagen, sondern auch für die Frauen. Einiges hat sich diesbezüglich in den letzten 50 Jahren bewegt, doch sind wir von einer echten Gleichberechtigung noch sehr weit entfernt.

Aber auch an heutigen Erziehungsmethoden kritisiert der Autor u. a., dass wir den Kindern ein Zuviel an Erziehung und Betreuung angedeihen lassen – man denke nur an die so genannten „Helikopter-Eltern“ – oder dass wir unsere Sprösslinge zu sehr loben für Dinge, die an sich selbstverständlich sind. Als weiteres negatives Beispiel führt Juul die „Curling-Eltern“ an, die stets bemüht sind, Hindernisse für ihre „Prinzessinnen und Prinzen“ rechtzeitig aus dem Weg zu räumen.

Wie gehen wir unsere Aufgabe als Leitwölfe an? Der Therapeut vertritt die Ansicht, dass dafür der „fortwährende Dialog“ mit unseren Kindern das beste ist, denn nur so haben beide Seiten die Gelegenheit, sich gut kennen zu lernen.

Doch ist unsere Führungsaufgabe für ihn unumstritten: Kinder sind zwar kompetent, was ihre Bedürfnisse betrifft, doch haben sie manchmal nicht die entsprechende Erfahrung, um die richtige Entscheidung treffen zu können. Und daher müssen wir Eltern für sie entscheiden – und sie müssen es akzeptieren! Ein positives Familienleben gelingt nach Juul nur, wenn es auf diesen Fundamenten aufgebaut ist: auf Gleichwürdigkeit, Integrität, Authentizität und persönliche Verantwortung.

„Leitwölfe sein“ ist ein zugängliches Werk mit vielen Fallbeispielen, das den Eindruck erweckt, in einem Vortrag des Autors zu sitzen und seinen Worten zu lauschen. Nehmen wir unsere Kinder mit ihren Anliegen ernst, plädiert er wiederholt, lernen wir von ihnen und beachten wir sie respektvoll auf Augenhöhe – und nicht von oben herab als Gebilde, die wir erst zu unserem Ebenbild formen müssen.

Kinder haben von klein auf das Bedürfnis, mit uns zu kooperieren. Und die Aufgabe der Eltern ist es, so Juul, Verantwortung zu übernehmen, das Familienrudel zu führen und bei notwendigen Entscheidungen einzugreifen, die ihre Lebenserfahrung fordern.

 

Das Buch

  • Juul, Jesper; Leitwölfe sein – liebevolle Führung in der Familie; Beltz, 2016;
    ISBN: 978-3-407-22239-8

Interessant für

  • alle Eltern und an Pädagogik Interessierte

[1] Juul, Jesper. Leitwölfe sein: Liebevolle Führung in der Familie.
Weinheim: Beltz, 2016.

Tags: 01 Aktuelles · 07 Rezensionen