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Mythos Völkerwanderung

28. Mai 2016

voelkerwanderung

Ein beliebtes Thema im Geschichtsunterricht war – und ist – die „Völkerwanderung“. Irgendwann beschlossen Völker, so lehrte man mich als Schüler, dass sie nun wandern wollten. Und so brachen sie auf, irgendwann zwischen 300 und 600 nach Christi.

Die meisten Völker hatten ökonomische Motive, konkreter: Sie wollten nicht verhungern. Das klang durchaus einsichtig und kaum eine Schülerin oder ein Schüler fragte sich, wie denn das damals ging.

  • Gab ein Anführer per Twitter oder What’s App den Befehl aus, Haus und Hof zu verlassen und zu wandern?
  • Warum dauerten diese Wanderungen einige Jahrhunderte?
  • Und gab es überhaupt so etwas wie ein Volk?

Das Wandern ist der Völker Lust?

2015 widmete sich das „Salzburger Nachtstudio“, eine immer hörenswerte Sendereihe von Ö1, dem Thema „Fakten und Mythen der Völkerwanderungen einst und jetzt“.

Walter Pohl, Professor für die Geschichte des Mittelalters an der Universität Wien, hat sich wissenschaftlich damit beschäftigt, etwa mit den Awaren.

Sie waren möglicherweise Nachfahren der Hunnen, die mit Hilfe ihrer Untertanen, den Slawen, um 500 n. Chr. die Langobarden vertrieben.

Aber waren die Awaren ein Volk? Die Frage klingt höchst melodiös, aber haben sie sich selbst als Volk gesehen? Wahrscheinlich nicht, zumindest gibt es darauf keinen historischen Hinweis. Sie waren, so viel ist sicher, jedenfalls die Oberschicht, eine „handelnde Großgruppe“, wie Walter Pohl sie nennt.

Mit unserem heutigen, sehr ungenauen und unterschiedlich verwendeten Begriff des „Volkes“ hat die Völkerwanderung allerdings nichts zu tun.

Herwig Wolfram, emeritierter Professor für mittelalterliche Geschichte und
Herausgeber „Geschichte Österreichs“, erläutert, wie es überhaupt zu dem Begriff Völkerwanderung gekommen ist.
„Als der Begriff ‚migratio gentium‘, zu deutsch Völkerwanderung, geprägt wurde, durch den Hofbiographen Lazius, ist dafür der (lateinische) Ausdruck gens verwendet worden, der lange Zeit nicht mit Volk übersetzte wurde. … Gens war immer ein eingeschränkter Begriff von populus, dem Volk. Eben nur eine Gruppe eines Volkes.“

Vermischung ist gut

Vor dem Zeitalter des Nationalismus war die Furcht vor „fremden Völkern“ nicht sehr ausgeprägt. Im Gegenteil: Der vom Habsburger Kaiser Ferdinand beauftragte Geschichtsschreiber Lazius freute sich noch über die Vielfalt des Habsburgischen Reiches.

Das österreichische „Volk“ war, erklärt Stefan Donecker im Salzburger Nachtstudio „das Ergebnis einer Vermischung barbarischer Stämme. … Wir sind ja vom Nationalismus des 19. Jahrhunderts verdorben und sehen Vermischung als etwas Negatives an. … Dass Vermischung die Wurzel Österreichs bildet, ist für Lazius keineswegs ein Nachteil. Im Gegenteil. Hat man halt jede Menge prominenter Ahnen. Umso besser“.

Eine Erkenntnis, die von der Natur bestätigt wird. Auch dort sind so genannte Bastarde, also Mischlinge, stets intelligenter als ihre reinrassigen Kolleginnen und Kollegen.

 

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