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Ich kann mich genau erinnern!

28. Mai 2016

erinnern
Wo waren Sie am 15. Mai 1955?

Auf diese Frage haben Menschen, die diesen Tag bewusst erlebt haben, recht konkrete Antworten.

Für die meisten heute Lebenden muss angemerkt werden, dass an diesem Tag Österreich wieder ein unabhängiger Staat geworden ist. Die vier Besatzungsmächte zogen ab, der damalige Bundeskanzler Figl rief seinen Landsleuten zu:
„Österreich ist frei!“

Vom Balkon des Belvederes! Oder war es am Heldenplatz? Am Ballhausplatz? Und hatte der Bundeskanzler tatsächlich eine so laute Stimme, dass die vielen Menschen ihn hören konnten, als er diesen berühmten Satz rief? Zeitzeugen erinnern sich.

„Eigentlich habe ich den Staatsvertrag, also da hat mein Vater einen Fernseher gehabt, und da haben wir das erste Mal das gesehen. Ich sehe noch, wie am Balkon Doktor Figl und der Raab oben waren und gesagt haben: Österreich ist frei! Sehe ich heute noch, wie am Ballhausplatz … und die Menschenmenge, die gejubelt hat.“

„Ich habe an sich die Unterzeichnung des Staatsvertrages mit Zehntausend anderen am Heldenplatz miterlebt. Und für mich war das ein sehr berührender Augenblick, wie der damalige Bundeskanzler Figl gesagt hat, wir sind frei!“

Nun ist es aber so, dass es zu diesem Zeitpunkt in Österreich keinen Fernsehsender gab. Eine Übertragung war also nicht möglich.

Und Bundeskanzler Figl zeigte den Österreichern den Staatsvertrag am Balkon des Belvederes und nicht auf jenem des Ballhausplatzes. Dort stand einige Jahre zuvor Adolf Hitler und hieß seine Heimat im deutschen Reich willkommen.

Und Figl sagte seinen berühmten Satz nicht am Balkon, sondern in den Räumen des Belvederes kurz nach der Unterzeichnung des Staatsvertrages.

Wahrscheinlich haben jene Filmausschnitte, die in den Kinos gezeigt wurden, viel zu diversen Irrtümern beigetragen. In Wochenschauen war häufig ein Bild mit dem österreichischen Kanzler zu sehen, der auf dem Balkon stand. Darunter war als Ton der Satz „Österreich ist frei“ gelegt, den er zuvor im Belvedere gesagt hatte. Eine simple Verfälschung, die möglicherweise gar nicht bewusst gemacht wurde.
Dass manche Menschen diese Erinnerungen sich „einverleibten“, sie zu ihrer eigenen Wirklichkeit machten, ja sie Jahre später sogar selbst dort anwesend zu sein glaubten, ist eine interessante Erscheinung.

Unser Gedächtnis ist bisweilen sehr trügerisch! Was allerdings nicht zu dem gegenteiligen Schluss führen darf, dass alle Erinnerungen falsch sind.

Aufgabe von Historikern wie Peter Teibenbacher und Robert Pfundner ist es, die Geschichten von Menschen und deren „oral history“ auf ihren Wahrheitsgehalt hin zu überprüfen und danach dem Urteil Interessierter zur weiteren Diskussion zu überlassen.

„Man darf nicht die Subjektivität als solche verdammen, weil letztlich ist alles perspektivisch, wie eine Sache betrachtet wird.“ (Peter Teibenbacher)

Darum sollten Zeitzeugen im Gespräch auch nicht ständig korrigiert werden.
„Man muss sie reden lassen und dann die Arbeit im Nachhinein analysieren.“

So kommt man nach Ansicht von Oliver Rathkolb der Wahrheit nahe. Die Suche nach ihr ist nicht einfach, aber lohnend.

 

Quelle

  • Salzburger Nachtstudio auf Ö1 zum Thema „Wo waren Sie am 15. 5. 1955?“

 

Weitere Informationen

 

Interessant für

  • Gesellschaft, Kunst und Kultur; Sprache und Kommunikation;

 

Ideen, fächerübergreifend

  • Die Geschichte meiner Familie, meines Dorfes, meiner Stadt, …
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  • Interviews selbständig oder im Team durchführen mit Verwandten, Bekannten, Freunden, interessanten Menschen
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