magazin24.info

Interessantes für Bildungsinteressierte

Nur Deutschland kann den Euro retten

18. Oktober 2015

euroEinige Wochen vor dem Erscheinen dieses HUM-Magazins hielten die meisten Politiker und Wirtschaftswissenschafter Griechenland für DAS Problem der EU. Bald darauf kam ein Flüchtlingsstrom nach Europa und ließ selbst Österreich erkennen, dass es keine „Insel der Seligen“ mehr gibt.

Die Welt ist ein Dorf geworden und die Zusammenhänge zwischen Kriegen im gar nicht so weit entfernten Osten und unserem Wohlstand werden mit einem Mal sichtbar. Der Reichtum ist auf der einzigen Welt, die wir haben, so ungleich verteilt, dass soziale Konflikte unvermeidbar sind.

Joseph Stiglitz https://de.wikipedia.org/wiki/Joseph_E._Stiglitz erhielt 2001 den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften, war zuvor Chefökonom der Weltbank und veröffentlichte im September sein neues Buch „Reich und Arm“, Originaltitel „The Great Divide“.

Er ist einer der vielen Kritiker des so genannten „Sparkurses“ einiger Regierungen, allen voran Deutschlands. Diese Politik führe zu noch mehr Ungleichheit, in unmittelbarer Folge zu sozialen Spannungen, letztlich zu Nationalismus mit all seinen Folgeerscheinungen bis hin zu kriegerischen Auseinandersetzungen. http://www.welt.de/wirtschaft/article145863817/Oekonom-Stiglitz-wirft-Berlin-Einschuechterung-vor.html

Auch das Buch von Heiner Flassbeck und Costas Lapavitsas – „Nur Deutschland kann den Euro retten“ – geht akribisch auf den wirtschaftspolitischen Versuch ein, durch Sparen Arbeitsplätze zu sichern.

Es geht in dem Buch aber nicht ausschließlich um die Einheitswährung Euro, sondern um das „Projekt Europa“, das vor einem Wendepunkt entsteht: Wenn Nationalismus – also Egoismus in staatlicher Größe – und Blindheit gegenüber sachlicher Auseinandersetzung die Oberhand gewinnen, haben wir in Europa bald wieder  Grenzen. Und zwar nicht nur Staatsgrenzen, sondern auch Gedankengrenzen.

[Diesen Satz habe ich geschrieben, bevor der ungarische Ministerpräsident Orban Stacheldrahtzäune errichten ließ. An der Grenze zu Serbien stehen sie bereits, geplant sind derzeit Zäune innerhalb der EU.]

Paul Mason, wirtschaftspolitischer Redakteur beim öffentlichen http://www.channel4.com/info/corporate/legal/frequently-asked-questions-2 englischen TV-Sender Channel 4, beschreibt es im Vorwort des Buches so:
„Europa hatte sieben Jahre Zeit, um die Lehmann-Krise mithilfe der alten Regeln zu überwinden und ist daran gescheitert. Es muss sich nun entweder vereinigen und im Wettbewerb behaupten oder auseinanderbrechen.“

Sind Schulden immer schlecht?

Wie die anderen politischen und wirtschaftlichen Methoden – neu sind sie nicht wirklich – aussehen, beschreiben die beiden Autoren ausführlich und  über weite Strecken verständlich. Leider sind die im Buch enthaltenen Grafiken derart schlecht dargestellt, dass ihre Legenden nur mit der Lupe lesbar sind.

Schade, denn aus diesen Grafiken können beispielsweise die Ursachen für die Griechenlandkrise sehr schön herausgelesen werden. Deutschland hat, so eine der Thesen, mit seiner Niedriglohnpolitik andere Länder in die Armut getrieben. Und diese Aussage wird anhand von (wie gesagt: ziemlich undeutlichen) Grafiken deutlich.

Während in Frankreich die Löhne im gleichen Maß stiegen wie die Produktivität – gemessen an den Lohnstückkosten, ein volkswirtschaftlich wichtiger Begriff – hat Deutschland bzw. haben seine Unternehmen den Zuwachs an Produktivität nicht zur Gänze an die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer weitergegeben.

Deutsche Produkte wurden immer billiger, die deutsche Exportindustrie freute sich. Wenn ein Land mehr exportiert als es importiert, müssen logischerweise, gesamtwirtschaftlich gesehen, andere Länder mehr importieren, als sie exportieren. Zwischen Exporten und Importen muss volkswirtschaftlich eine Harmonie bestehen, andernfalls entstehen „Schuldenländer“.

Bei diesen entstehen Staatsschulden, die immer größer werden und schlimmstenfalls irgendwann einen Staatsbankrott verursachen.

Übrigens keine große Seltenheit in der Wirtschaftsgeschichte: http://www.handelsblatt.com/politik/konjunktur/nachrichten/ueberschuldung-die-spektakulaersten-staatsbankrotte/3353410.html Praktisch alle Staaten waren schon einmal pleite, zuletzt Puerto Rico.

Argentinien steht seit 2014 knapp davor, Island konnte 2008 die Schulden von drei Banken nicht zurückzahlen, sie wurden nach ihren Konkursen verstaatlicht, eine Methode, die alle Steuerzahlerinnen und Steuerzahler belastet.

1971 wurde in den USA die verpflichtende Umwandlung von Dollars in Gold beendet, ein Bruch von internationalen Vereinbarungen.

1923 und 1945 war Deutschland sogar zwei Mal bankrott.

Um den Bankrott des Euros, also der Europäischen Union zu vermeiden, müssten die europäischen Staaten sich darauf einigen, die Lohnstückkosten und die Inflation unter den Mitgliedsländern (gerecht!) zu steuern.

Konkret bedeutete das eine Erhöhung der Löhne in Deutschland (nebenbei bemerkt auch in Österreich) und ein Aufgeben der so genannten „Sparpolitik“, bei der auf Kosten der arbeitenden Bevölkerung gespart wird. Die, um wieder beim Vorwort anzulangen, „diese Kombination von wirtschaftlicher Stagnation und politischer Kraftlosigkeit nicht mehr viel länger dulden“ wird.

Nach Ansicht der Autoren sollten Politik und Wirtschaft sich dafür entscheiden, statt sozialer Konflikte eine gerechte Verteilung des Wohlstandes zu forcieren. Die Begründungen für diese Ansicht werden detailliert beschrieben.

Ein Buch, das allen, die mit Wirtschaft zu tun haben, ans Herz zu legen ist. Und nicht nur ihnen.

Zu den Autoren:
Heiner Flassbeck wurde 2005 zum Honorar-Professor für Wirtschaft und Politik ernannt, davor war er als Staatssekretär im deutschen Finanzministerium, von 2000 bis 2012 bei den Vereinten Nationen in Genf tätig.

Costas Lapavitsas ist Professor für Volkswirtschaft an der Universität London, seine Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Kapitalwirtschaft und Politische Ökonomie. Beide Wirtschaftswissenschafter sind also in Institutionen tätig, die international anerkannt sind und nicht im Verdacht stehen, bestimmte Ideologien zu vertreten.

 

Das Buch

Flassbeck, Heiner; Lapavitsas, Costas; Nur Deutschland kann den Euro retten; Westend Verlag, 2015; ISBN 978-3864890963

 

Weitere Informationen

 

Interessant für

Wirtschaft; Gesellschaft, Kunst und Kultur;

 

Ideen, fächerübergreifend

  • Welche Auswirkungen haben die Stückkosten auf den Wettbewerb zwischen Nationen? Warum ist ein Gemälde von van Gogh mehr wert als ein Haus?
  • Gibt es einen Zusammenhang zwischen Produktivität und Arbeitslosigkeit? Und warum hatte van Gogh ein relativ geringes Einkommen im Verhältnis zum heutigen Wert seiner Bilder?
  • Sind Schulden an sich schlecht oder ein Teil unseres Wirtschaftssystems?

 

 

<el>

Tags: 04 Österreich und die Welt · 07 Rezensionen