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Das Internet der Dinge

5. Juni 2015

Würstl

„Der Fortschritt hat es so an sich, dass er größer ausschaut, als er ist.“

So ungefähr hat Nestroy ihn formuliert und irgendwie erinnert sein Ausspruch an die ständigen industriellen Revolutionen unserer Zeit:
Vom Web 1.0 zum Web 2.0 zum Web 4.0 – wo soll das alles enden?

Beim Internet der Dinge, bei intelligenten und smarten Geräten, die so viel über uns wissen, wie wir das gar nicht ahnen.

Im Auftrag der Arbeitskammer hat Wolfie Christl eine Metastudie zum Thema „kommerzielle Überwachung“ erstellt. Die Ergebnisse sind erstaunlich.

Preisdiskriminierung

Nach den Recherchen des Autors gibt es zum Beispiel unterschiedliche Angebote, je nachdem, wer wo eine Ware kauft. Es gibt etwa Beispiele, dass die Benutzer/innen von Apple bei Reisen mehr bezahlen müssen als PC-Nutzer/innen[1].

Es wurden in Einzelfällen Preisunterschiede bis zu 116 Prozent nachgewiesen, je nachdem, wie die Benutzer/innen auf die Seite kommen. Abhängig vom Standort, vom Surfverhalten und anderen Parametern ist das bei Hotelbuchungen oder Flugreisen bereits nachgewiesen worden.

Preisdiskriminierung wird das genannt, also Preise, die für das jeweilige Individuum „berechnet“ wurden. Eine Individualisierung der besonderen Art.

Das Auto als Wächter

Wer smart ist, ist geizig, weil das geil ist. Und lässt sich in sein Auto eine Box einbauen. Die misst alle 20 Sekunden, wo das Auto steht, wie schnell es beschleunigt, wie abrupt es bremst und wo und wann Geschwindigkeitslimits übertreten werden.

Zum Ausgleich – wie geil ist das denn! – gibt es einen Prämiennachlass.

Abgesehen davon, dass manche Menschen vielleicht nicht mögen, dass ein Unternehmen weiß, wo sie gerade sind, was sind die Kriterien für einen Prämiennachlass?

Zum Beispiel das Bremsverhalten. Wer zu viel bremst, ist verdächtig. Auch wenn gerade ein Kind über die Straße läuft. Dafür gibt es Abzüge, also eine Prämienerhöhung.

Konsequent zu Ende gedacht sind Fitness-Tracker eine ideale Planungsunterlage für Krankenversicherungen.

Fitness-Tracker motivieren bekanntlich zu sportlicher Betätigung und wenn sie dann mit der Versicherungsanstalt der Wahl verbunden sind: Vielleicht gibt es einen Prämienrabatt?

Warum nicht! Die brave Bürgerin und der brave Bürger haben nichts zu verbergen, auch nicht ihren Gesundheitszustand. Oder ihr Gewicht!

Die Dicken sollen zahlen. Und die Raucher. Die Trinker. Die Spieler. Die Faulen. Die Arbeitssüchtigen – halt, die nicht, die erzeugen ein Wirtschaftswachstum. Obwohl: Kosten diese Menschen unter Umständen mehr als sie produzieren? Diese Frage muss noch geklärt werden.

Weitgehend geklärt ist die Frage nach dem Nutzen solcher Daten, dem „Big Data“. Unternehmen können damit Konsumentinnen und Konsumenten in einem Ausmaß manipulieren, das Wolfgang Menge noch nicht geahnt, aber wohl befürchtet hat. (Sein Buch „Der verkaufte Käufer“ erschien erstmals 1971. Der Autor beschrieb darin, warum Grundnahrungsmittel in Geschäften immer in der hintersten Ecke landen und beim Eingang Blumen oder Gemüse zu finden sind.)

Schwangerschaftstest per Einkauf

Wenn Sie, gnädige Frau, nicht wissen, ob Sie schwanger sind, gehen Sie einfach einkaufen!

Die Geburt eines Kindes ist nämlich nicht nur für die Eltern interessant, sondern auch für den Einzelhandel. In dieser Zeit sind Menschen besonders flexibel, was ihr Kaufverhalten betrifft, mit anderen Worten: Sie kaufen gerne ein.

„Nach aufwändigen Analysen hätten sich 25 Produkte herausgestellt, deren Kauf die Erstellung einer Art von „Schwangerschafts-Prognose-Score“ ermögliche und sogar erlaube, mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit den Geburtstermin zu prognostizieren. Es geht dabei nicht um Produkte wie Babykleidung oder Kinderwägen, die ganz offensichtlich auf eine nahe Geburt schließen lassen, sondern um bestimmte Mengen von bestimmten Hautlotionen, Seife, Watte, Waschlappen oder Nahrungsergänzungsmittel, die in bestimmten Frequenzen und Zeitabständen gekauft werden.“

Wenn diese Frauen erkannt sind, bekommen sie alle möglichen Kaufanreize geschickt wie Gutscheine und Rabatte. Manchmal wissen sie angeblich selbst noch nichts von ihrer Schwangerschaft, wie eine beliebte Anekdote verkündet, die möglicherweise wahr ist.

Auch die „Likes“ von Facebook-Nutzer/innen lassen Rückschlüsse auf Persönlichkeitseigenschaften zu, ebenso wie Rhythmus und Geschwindigkeit der Tastatureingabe.

Der alte Adresshandel – es gibt ihn seit Jahrzehnten – hat durch „Big Data“ eine noch größere Differenzierung erfahren. Einer der größten deutschen Adresshändler, AZ Direkt, hat 2.500 unterschiedliche Listen von potentiellen Käufer/innen.

Nach welchen Kriterien diese ausgesucht und gekauft werden können findet sich auf S. 52 der Studie (siehe unten).

Wie all das – und noch einiges mehr – erfasst und berechnet wird: eine wunderbare Gelegenheit, Mathematik, Wirtschaft und Konsumverhalten fächerübergreifend zu verbinden!

 

Mehr Informationen

 

Interessant für
Wirtschaft; Sprache und Kommunikation; Gesellschaft, Kunst und Kultur; Angewandte Mathematik;

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[1] Quelle: Ö1-Radiokolleg vom 12. 2. 2015: Medienpädagogik

Tags: 04 Österreich und die Welt