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Der Autor als Zeitzeuge

19. März 2015

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Als ich begonnen habe, Wirtschaftswissenschaften zu studieren, hieß die heutige „Wirtschaftsuniversität“ noch „Hochschule für Welthandel“.

 

Vereinzelt gab es damals noch Studenten und Studentinnen, die in sechs Semestern zum „Diplomkaufmann“ ausgebildet wurden. Von einer „Diplomkauffrau“ war damals nicht die Rede.

Ich studierte bereits nach der neuen Studienordnung, die mit „Magister“ abschloss, einem Titel, den es damals vor allem im Bereich Pharmazie gab. Kein Wunder, dass mich viele Menschen nach Abschluss für einen Apotheker hielten und gerne ein Rezept von mir ausgestellt bekommen hätten.

Allmählich wurde aus der Hochschule eine Universität, sie platzte bald aus allen Nähten und übersiedelte an den Wiener Franz-Joseph-Bahnhof und nach wenigen Jahrzehnten von dort in den Prater. Riesige Gebäude stehen jetzt dort, entworfen von der weltberühmten Architektin Zaha Hadid, eine wunderbare Umgebung für das Studium.

Zu meiner Zeit gab man sich noch bescheidener, zumindest was die Räumlichkeiten anlangte. Als geistige Basis gab es die Bücher „Betriebswirtschaftslehre“ von Wöhe und das „Volkswirtschaftsbuch“ von Wöll. Beide gelten, wenn ich dem Internet trauen kann, noch immer als Grundlagenliteratur.

Als junger Student hat mich bereits die Einleitung fasziniert.

Ceteris paribus und homo oeconomicus

Dort stand als Prämisse (also eine Tatsache, die nicht weiter diskutiert werden sollte) der „homo oeconomicus“, der Mensch, der rational handelt.

Es gab auch noch die „ceteris-paribus-Formel“, die ungefähr besagt, dass alles richtig ist, wenn man andere Fakten nicht beachtet. Etwa die Tatsache, dass Menschen nicht nur rational handeln.

Über diese Einleitung stolperte ich in mein Studium.

Wie, dachte ich, soll ein Modell, eine Theorie also, richtig sein, die etwas Falsches voraussetzt?

Denn klarerweise handeln Menschen nicht ausschließlich rational, andernfalls hätten Bereiche wie Werbepsychologie oder PR oder Marketing ja keinen Sinn!

Dennoch bauten die damaligen Wissenschaftler um dieses wackelige Gebäude herum eine Theorie auf. Wenn nämlich all dies stimmte, meinten sie, so funktionierte auch der Markt nach nahezu naturwissenschaftlichen Gesetzen.

Der Markt war die heilige Kuh der Wirtschafts„wissenschaft“, um die alle tanzten. Sobald einer oder eine diesen Grundsatz bezweifelte, stürzte die Theorie zusammen.

Dabei genügte ein Blick auf die Texte zur Aktienentwicklung, um den Zweifel zu nähren. Dort wurden Märkte „nervös“, reagierten Anleger „hektisch“ oder hofften auf eine „Rallye“. Manchmal herrschte am Markt „Euphorie“, dann wieder erreichte der DAX oder Dow Jones (Indizes der deutschen bzw. US-amerikanischen Börsen) eine angeblich „psychologisch wichtige Marke“.

Der Markt war in bestimmten Phasen auch „sehr sensibel“, und wenn er das war, zitterten die Politiker Ost bis West.

Das sollten rationale Überlegungen sein?

Der Markt regelt alles

Die Zweiflerinnen und Zweifler an solchen Phantastereien blieben in der Minderheit und so entwickelte die gelehrte Wissenschaft ein Bild der Wirtschaft und der Menschheit, die einem Traum glich:
Angebot und Nachfrage näherten sich in der Theorie immer einem harmonischen Gleichgewicht.

Unternehmen verhielten sich artig wie Musterschüler, achteten die Gesetze und Steuerhinterziehung gab es nur ausnahmsweise und in der Vorlesung Buchhaltung.

Rationale Menschen überlegten sich am Markt jeden Kauf und hatten ansonsten keine Probleme.

Armut und soziale Probleme gab es nicht, sie waren höchstens selbst verschuldet.

Der „Markt“ richtet sich übrigens nicht nach Bedürfnissen, sondern nach dem Bedarf. Der Unterschied ist wichtig: Bedürfnisse können Menschen haben (Hunger zum Beispiel), aber solange sie ihn nicht mit Geld befriedigen können, war er für das Studium der Wirtschaft nicht wichtig.

Wichtig war der Bedarf, schließlich geht es am Markt ausschließlich um Geld.

So stand es in den Lehrbüchern, die alle Menschen ausschlossen, die kein Geld hatten.

Doch kein homo oeconomicus?

Meine Skepsis, wie dieses Modell funktionieren sollte, wuchs im Laufe des Studiums, schließlich lehrte die Betriebswirtschaftslehre, dass Unternehmen eine Monopolstellung anpeilten, zumindest eine Oligarchiestellung. Dann konnten sie allein oder mit Hilfe von anderen Unternehmen die Preise weitgehend diktieren.

Was macht dann der Markt? Er ruht gewissermaßen. Und vielleicht kommt irgendwann ein Prinz, der ihn aus seinem Dornröschenschlaf erweckt.

Da ich schon zu alt für Märchen war und keine Wissenschaftskarriere an einer Universität im Auge hatte, begann ich mich mit den vorhandenen Theorien zu arrangieren und unterrichtete. Rechnungswesen und Betriebswirtschaftslehre, wie das damals hieß.

Mit meinen Bedenken war ich nicht allein, eine Fachschülerin fragte mich während des Unterrichts zum Thema „Wirtschaftswachstum“ naiv, wie das denn gehen sollte. Immer wachsen! Irgendwann ist dann doch nichts mehr da, meinte sie.

Sie hätte auch sagen können, die Ressourcen der Welt sind endlich – aber so gelehrt konnte sie sich nicht ausdrücken. Recht hatte sie dennoch und das habe ich ihr auch gesagt.

Seit einigen Jahren ist diese Erkenntnis auch in Wirtschaftskreisen angekommen. Paul Schulmeister hat das in einer Diskussion in Innsbruck einmal ungefähr so ausgedrückt:

Kein Wunder, dass die meisten Wirtschaftsexperten denken, der Markt regelt alles quasi von selbst. Sie haben in ihrem Studium ja nichts anderes gelernt.

Es ist ein gutes Zeichen, wenn allmählich sich die Erkenntnis durchsetzt, dass der Markt nicht Naturgesetzen gehorcht, sondern von Menschen gemachten. Und die sind ziemlich wankelmütig und beeinflussbar.

In einem „Salzburger Nachtstudio“ (übrigens eine sehr hörenswerte Ö1-Sendereihe mit unterschiedlichen Themen, die für den Unterricht sehr gut zu verwenden sind) wurde 2009 auf eine relativ neue Richtung der Wirtschaftswissenschaften hingewiesen, die an die Stelle des „homo oeconomicus“ den „homo psychologicus“ setzt.

Der Österreicher Kurt Rothschild (1914 – 2010) hat immer wieder betont, dass der Mensch nicht nur rational handelt. Auch Linda Pelzmann, Wirtschaftspsychologin, warnt davor, den „Markt“ als eine Art „höhere Instanz“ zu begreifen.

Die Finanzkrise hat uns etwas gelehrt, das der Schriftsteller Kurt Tucholsky (übrigens im bürgerlichen Beruf Jurist) vor mehr als 90 Jahren so beschrieben hat:

„Fast jeder Unternehmer, und besonders der kleinere, ist nichts als der Verwalter von Bankschulden; geht’s gut, dann trägt er den ungeheuren Zins ab, und geht’s schief, dann legen die Banken ihre schwere Hand auf ihn und es ist wie in Monte Carlo: Die Bank verliert nicht. Und wenn sie wirklich einmal verliert, springt der Steuerzahler ein.“

 

Interessant für
Wirtschaft; Gesellschaft, Kunst und Kultur; Religion und Ethik;

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