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Bertha von Suttner

22. November 2014

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Die Friedensnobelpreisträgerin des Jahres 1905 wurde 1843 in Prag geboren, aber in guter österreichischer Tradition wird sie allgemein als Österreicherin begriffen. Und in ebensolcher Tradition kaum wahrgenommen.

Bertha von Suttner starb vor hundert Jahren, am 21. Juni 1914, knapp vor dem Ausbruch des „Großen Krieges“, den wir heute den 1. Weltkrieg nennen. Gewarnt vor ihm hatte sie viele Jahre, gehört hatten ihre Warnrufe nur wenige.

Die gebürtige Gräfin – sie entstammt der böhmischen Adelsfamilie Kinsky – lernte als Kind bereits mehrere Sprachen. Ihr Vater starb mit 75 Jahren, vor ihrer Geburt, woraus zu lernen ist, dass späte Väter keine Erfindung der Gegenwart sind.

Bertha von Suttner wurde mehrsprachig erzogen, überwiegend von Gouvernanten, wie es damals in adeligen Kreisen üblich war. Ihre Mutter reiste quer durch Europa, nicht der Bildung, sondern der Spielkasinos wegen. Sie verspielte das ererbte Vermögen allmählich, Bertha von Suttner musste arbeiten und wurde Opernsängerin.

Nein, das ist ein Irrtum! Sie hatte zwar diesen Wunsch, aber ihr Talent war wohl zu gering und so wurde sie, für Adelige ein steiler Abstieg, Gouvernante bei der Industriellenfamilie Suttner. Dort erzog sie die Kinder und verliebte sich in den sieben Jahre jüngeren Sohn der Familie. Nicht gerade das, was eine „anständige Adelsfamilie“ von einer Gouvernante wollte – Bertha von Suttner wird gekündigt.

Sie landet als Sekretärin bei Alfred Nobel, dem Erfinder des Dynamits und späteren Namensgeber eines ziemlich bekannten Preises. Nach wenigen Monaten kehrt Bertha nach Wien zurück und heiratet mit 32 Jahren heimlich ihre große Liebe, Arthur von Suttner. Der Mann ist, wie beschrieben, sieben Jahre jünger als sie, biologisch sinnvoll, weil die weibliche Lebenserwartung höher ist als die männliche, aber damals ein noch größerer Skandal als heute.

Die Flitterwochen gleichen einer Flucht. Es geht in den Kaukasus, nach Georgien, eine russische Adelige hat die beiden eingeladen. Aus einer Anstellung am russischen Hof wird nichts, ihr Mann Arthur Gundaccar von Suttner schreibt Reiseberichte, Bertha von Suttner schlägt sich mit dem Unterricht der deutschen Sprache durch, die im damaligen Russland so beliebt war wie die englische heute bei uns.

Der Russisch-Türkische Krieg macht diese Arbeit unmöglich, niemand hat das Geld für Unterrichtsstunden.

1878 endet der Krieg, der in Bulgarien „Russisch-Türkischer Befreiungskrieg“ und in Rumänien „Rumänischer Unabhängigkeitskrieg“ heißt.

Ein interessanter Ansatz zu den regional unterschiedlichen Sichtweisen auf Kriege und ihre Bedeutung.

Bertha von Suttner versucht sich als Autorin von „Frauenliteratur“, wie jene Geschichten genannt wurden, die allesamt in adeligen Häusern spielten. Tatsächlich werden ihre Texte angenommen, sie veröffentlich allerdings unter einem Pseudonym.

Ab 1885 lebt die Familie wieder in Österreich, im Familienschloss Harmannsdorf. Mit den Schwiegereltern haben Bertha und Arthur sich versöhnt, sie arbeiten gemeinsam in einem Zimmer mit Blick ins Grüne.

Unter einem anderen Pseudonym – „Jemand“ – veröffentlicht sie 1889 „Das Maschinenzeitalter“. Aus einer fernen Zukunft blicken Menschen zurück auf das 18. Jahrhundert und wundern sich über eine Zeit, in der Kriege geführt wurden.

Bertha von Suttner entdeckt die Friedensbewegung und findet darin ihren Lebenssinn. Optimistisch widmet sie sich diesem Thema. Sie erwartet, dass die gesamte Menschheit von Vernunft erfasst würde und friedlich leben könnte.

Ein Blick auf das derzeitige Weltgeschehen würde sie wohl verunsichern.

Allerdings war sie bereits 1907 skeptisch – beim 2. Haager Friedenskongress.
„Mit gefletschten Zähnen kann man nicht lächeln.“

Dort ging es nicht mehr um Frieden, sondern überwiegend um Krieg und wie man ihn irgendwie regeln könnte.

1913 schreibt Stefan Zweig vom drohenden Krieg. Er trifft die 70jährige Bertha von Suttner zufällig auf der Straße.

„Sie kam ganz erregt auf mich zu. Die Menschen begreifen nicht, was vor sich geht, schrie sie ganz laut auf der Straße, so still und gelassen sie sonst sprach.
Warum tut ihr nichts? Ihr jungen Leute? Euch geht es vor allem an. Wehrt euch doch. Schließt euch zusammen. Lasst nicht immer alles uns alte Frauen tun, auf die niemand hört.“

Bertha von Suttner stirbt am 21. Juni 2014, wenige Wochen, bevor die Habsburger Regierung Serbien den Krieg erklärt. Ihre letzten Worte sollen gelautet haben:

„Die Waffen nieder. Sag’s vielen. Vielen.“

Die Waffen nieder!

So nannte sie ihren Roman, der in (derzeit) 20 Sprachen übersetzt wurde. Erzählt wird darin die Geschichte einer Adeligen, die nach dem Tod ihres Mannes, eines Offiziers, zur Pazifistin wird.

Bertha von Suttner war zum Zeitpunkt der Veröffentlichung (1889) bereits sehr aktiv in der Friedensbewegung und gründete die österreichische, bald danach die deutsche Friedensgesellschaft.

In einer Zeit, in der Frauen  kein politisches Amt, nicht einmal das Wahlrecht zugebilligt wurde, war Bertha von Suttner als Vortragende in aller Welt willkommen, zumindest in jenen Teilen, die Frauen nicht als Menschen zweiter Wahl ansahen. Noch als 70jährige machte sie eine Vortragsreise durch die USA.

In Zeiten wie diesen, da anscheinend immer häufiger Gewalt und schließlich Kriege als Konfliktlösung propagiert werden, ist eine Beschäftigung mit dieser Frau immens wichtig. Nicht nur deshalb, weil sie vor 100 Jahren starb, wenige Tage vor dem Beginn des „Großen Krieges“, sondern weil sie uns eine Aufgabe hinterlassen hat, die noch nicht gelöst ist: Die Idee des Friedens umsetzen, nicht bloß propagieren.

Ehre, wem Ehre gebührt?

Vor langer Zeit schmückte den 1.000-Schilling-Schein ein Bild von Bertha von Suttner.

Darauf war sie als streng dreinblickende Frau abgebildet. Das war sie wohl nur manchmal. Wahrscheinlich war sie in Wirklichkeit lebenslustig und humorvoll.

Davon zeigt das Bild nichts.

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Derzeit ist sie auf einer 2-Euro-Münze zu sehen. Die Inflation des Begriffs Friede ist ebenfalls eine interessante Geschichte.

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Ohne Namensnennung übrigens, viele Menschen verwechseln sie mit Maria Theresia. Die eine Frau beschäftigte sich mit dem Frieden, die andere führte die Schulpflicht ein: eine interessante Gegenüberstellung.

Und welche Straßen sind in Wien nach Bertha von Suttner benannt?

Genau eine. Und die ist eine Sackgasse.

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Bertha-von-Suttner-Gasse

Was sagt das aus über die Gegenwart?

 

Zitate

„Die Religion rechtfertigt nicht den Scheiterhaufen, der Vaterlandsbegriff rechtfertigt nicht den Massenmord, und die Wissenschaft entsündigt nicht die Tierfolter.“

„Hüten wir uns vor euphemistischen Ausdrücken wie fallen. Die Soldaten töten und werden getötet.“

„Geschehen dürfen all diese Greuel, aber nennen, nennen dürfen wir sie nicht.“

„Keinem vernünftigen Menschen wird es einfallen, Tintenflecken mit Tinte, Ölflecken mit Öl wegwaschen zu wollen. Nur Blut soll immer wieder mit Blut abgewaschen werden.“

„Wer gegen arme, hilflose Mitgeschöpfe, die unter ihm stehen, erbarmungslos gewesen ist, hat kein Recht, wenn er in hilflose Lage kommt, zu einem höher stehenden Wesen zu beten: Herr, erbarme dich meiner!“

„Von hundert gebildeten und feinfühligen Menschen würden schon heute wahrscheinlich neunzig nie mehr Fleisch essen, wenn sie selber das Tier erschlagen oder erstechen müßten, das sie verzehren.“

„Es ist eine bekannte Tatsache, daß man mit gewissen Schlagworten der leichtgläubigen Menge nach Belieben Sand in die Augen streuen kann.“

 

Weitere Informationen

http://noe.orf.at/news/stories/2653773/ Auf Schloss Harmannsdorf verfasste Bertha von Suttner den Roman „Die Waffen nieder!“

http://www.berthavonsuttner.at/ Internationaler Bertha von Suttner Verein

http://okto.tv/diewaffennieder Verschiedene Menschen lesen Ausschnitte aus dem Buch „Die Waffen nieder“

http://gutenberg.spiegel.de/buch/2594/1  Das Buch „Die Waffen nieder“ steht an dieser Adresse digital und kostenlos zur Verfügung

https://erster-weltkrieg.wien.gv.at/site/und-die-kriegsgegner/ Wohin der Krieg führt

 

Interessant für
Gesellschaft, Kunst und Kultur, Sprache und Kommunikation

 

Ideen und Stichworte

  • Ist Friede möglich? Oder ist er eine Illusion von Idealistinnen und Idealisten?
  • Wie unterscheiden sich die Situation 1914 und die Situation heute in Europa?
  • Welche Ursachen führten zum 1. Weltkrieg? Gibt es ähnliche heute?
  • Welche Unterschiede gibt es in der gesellschaftlichen Stellung einer Frau damals und heute? Was ist gleich geblieben?

 

Mögliche Projektprodukte

  • Radiosendung
  • Ausstellung
  • Videoproduktion mit Interviews
  • Multimediale Darstellung

 

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Tags: 04 Österreich und die Welt