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Stirbt die deutsche Sprache?

18. Juni 2014

Und wenn ja: Stört es jemanden? „Wir machen Spiele und trinken Bier.“

Das ist einer der wenigen Sätze, die eine Finnin in deutscher Sprache verständlich aussprechen kann. Sie lebt und arbeitet seit drei Jahren in Berlin und schämt sich ein bisschen dafür, dass sie nicht viel mehr sagen kann, als dass alles „supergeil“ ist und bisweilen ein „Hammer“.

Sie kann nichts dafür, denn ihr Arbeitgeber, ein Start-Up-Unternehmen (man verzeihe den deutschen Ausdruck Unternehmen), besteht auf Englisch als interner Amtssprache. Auch im Aufzug zwischen deutschsprachigen Angestellten sei diese Sprache zu wählen, andere Menschen könnten sich sonst ausgeschlossen fühlen.

Mit „anderen“ sind keine Einheimischen gemeint, sondern all jene, die englisch sprechen. Deutsch sprechende Tschechen ohne Englischkenntnisse müssen draußen bleiben.

282 Angestellte (145 davon Deutsche) hat der Berliner Betrieb, der Online-Spiele produziert. Jede Woche werden angeblich zwei weitere Mitarbeiter eingestellt, die jedenfalls eines können müssen: Englisch.

Der Firmengründer wünscht sich allerdings eine noch bessere „Willkommenskultur“ in Berlin, denn noch immer gäbe es Ämter, die darauf bestehen, Gas-, Wasser- und Telefonanschlüsse mit Formularen zu beantragen, die in deutscher Sprache geschrieben sind.

Der Mann ist kein Satiriker, sondern Unternehmer in Deutschland. Meint er das ernst?

Und was sind die Konsequenzen?

Ist das ein Fortschritt, wie manche versichern, weil nun alle Menschen einander verstehen und demnächst miteinander in Friede, Freude und mit Eierkuchen glücklich werden?

Ist das ein Kniefall vor den Herrschenden? Wie einst vor der Kirche mit ihrem Latein und später, als Frankreich gerade mächtig war, vor der französischen Sprache?

Ist das ein Beitrag zur Völkerverständigung? Gegen Sprachen-Nationalismus a la Krim?

Oder ist das schlichter ökonomischer Opportunismus unter dem Motto: Geld stinkt nicht und das befindet sich im englischen Teil der Welt?

Ein im englischsprachigen Unternehmen deutschsprachiger Herkunft arbeitender Australier findet die Entwicklung jedenfalls gut.

„At least for me“, sagt er und lacht. („Zumindest für mich.“)

Hörbar wundert es ihn, dass ein deutsches Unternehmen in Deutschland seine englische Muttersprache so fördert.

Vom Kuschen

Der Psychologe Erwin Ringel hat in seinem Buch „Die österreichische Seele“ diagnostiziert, dass die Bereitschaft zum „devoten Dienen und vorauseilendem Gehorsam“ eine grundlegende Eigenschaft Österreichs ist. Dazu passt die Aussage eines Engländers: In keinem Land der Welt habe er so eine Offenheit für Englisch erlebt wie hierzulande.

Wobei „Offenheit“ eher so klang, als meinte er damit Beschränktheit.

Denn wie erlebt jener Engländer das Englisch der Österreicher?

Schmerzhaft, lautete die Antwort.

Denn das Englisch der Hiesigen sei ein wenig, nun, Engländer sind meistens freundlich und daher nennt er es: seltsam. Sie haben zum Beispiel viele Probleme mit der Aussprache oder der ing-Form. Und mit der Zukunft. Überhaupt mit der englischen Grammatik.

Sie sind bisweilen auch überrascht, dass sie einen „native speaker“, also beispielsweise ihn, nicht verstehen. Wahrscheinlich deshalb, weil sie überwiegend mit Menschen englisch plaudern, deren Muttersprache ebenfalls nicht das Englische ist.

Anders ausgedrückt: Viele Österreicher sprechen gerne englisch, ohne die Sprache zu beherrschen. Es ist einfach „cool“, englische Floskeln, die sich als Sätze ausgeben, zu verwenden, auch wenn der Inhalt auf der Strecke bleibt oder falsch verstanden wird.

Kaum ein Beitrag hat zum Beispiel auf den Seiten von www.provinnsbruck.at so viele Reaktionen hervorgerufen wie der eines Engländers:
„Why English is bad for you“ ist der Titel und der Autor wundert sich über die Tatsache, dass alle Einheimischen mit ihm englisch reden wollen, wo er doch gekommen ist, um die hiesige Kultur (inklusive Sprache) zu lernen.

Der Text ist – Provokation muss manchmal sein – englisch geschrieben. Man kann das humorvoll sehen, aber da Humor nicht die hervorragende Eigenschaft von Beleidigten ist, wurde in den Kommentaren heftig gekeift.

Denn wenn der „kleine Mann“ (der immer öfter auch eine Frau sein kann) sich anbiedert und erfolglos bleibt, dann wächst sein Zorn über ihn hinaus und sucht nach einem möglichst schwachen Opfer, an dem er sich abreagieren kann, am besten anonym.

Lernt Chinesisch!

Das Beispiel des Berliner Unternehmens zeigt allerdings, dass Österreich (vulgo Kakanien) sich immer weiter ausdehnt. Liebdienerei findet bereits bei den einst so stolzen Preußen statt, gegen den Tod der deutschen Sprache scheint kein Kraut (das Wort gibt es gleichlautend auch im Englischen!) gewachsen.

Noch, denn die Zeiten ändern sich. Panta rhei, alles fließt bekanntlich. Vielleicht ist das Englisch der nächsten Jahrzehnte das Chinesische? Oder das Russische? Wer weiß. Also: who knows?

Weil nämlich: „A language is a dialect with an army and a navy“ Max Weinreich, Sprachwissenschaftler und Übersetzer,  definierte 1945 in einem Artikel die wichtigste Eigenschaft einer globalen Sprache. Und wer hat derzeit die größte Armee der Welt? Eben.

Und wer ist einer der größten Waffenexporteure der Welt? Genau. Deutschland. Immerhin Platz 3, nach den USA und nach Russland.

Es gibt noch Hoffnung für die deutsche Sprache.

 

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