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Die Qual mit der Wahl

20. Juni 2014

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Bildquelle: Youtube[1] (RSA Animate)

Wenn Kinder in der österreichischen Provinz in den 80er Jahren Schokolade kaufen wollten, war das einfach, denn es gab nur zwei Angebote: die Erzeugnisse von Suchard und die von Bensdorp. Wollen wir heute in einem Wirtshaus ein Glas Wein, gibt es inzwischen auch meist mehr Sorten im Angebot als damals, als man nur die Wahl zwischen einem „Roten“ und einem „Weißen“ hatte. Und – anders als früher – gehen wir heute seltener in den kleinen Buchladen um die Ecke, der unser gewünschtes Buch vielleicht erst bestellen muss, sondern kaufen es selber über einen Onlinehändler. Die Auswahlmöglichkeit an Waren und Dienstleistungen ist über das Internet riesig geworden.

Doch macht uns das freier, zufriedener – oder gar glücklich? Denn was wir ursprünglich als großen Fortschritt betrachteten, stellt sich nach nur wenigen Jahren als eher zweischneidige Sache dar, erschlagen uns doch förmlich die zahlreichen Angebote auf unserem Bildschirm. Anders als früher gehen wir nicht mehr in ein Fachgeschäft, um uns über ein Produkt zu informieren und es dann dort zu kaufen. Denn kleinere Läden findet man immer seltener, spüren die doch die Internetkonkurrenz seit Jahren stark und kämpfen ums Überleben. Nichtsdestotrotz kaufen wir noch immer gerne online ein, denn erstens ist es bequemer, zweitens billiger und drittens gibt es im Netz eine viel größere Auswahl. Über den Computer haben wir scheinbar enorme Möglichkeiten, doch nicht jeder vermag sie auch gut zu nutzen, weil einen die Vielzahl der Angebote verwirrt und die Entscheidung erschwert.

Auswahl oder Freiheit!

So stehen wir heute wie noch nie zuvor vor der Qual der Wahl oder in den Worten von Renata Salecl vor der „Tyrannei der Freiheit“! Wir sehen uns tagtäglich vor die Wahl gestellt, die uns nicht nur fordert, sondern manchmal auch überfordert, und dies betrifft nicht nur die oben genannten Beispiele, sondern die unterschiedlichsten Lebensbereiche.

Renata Salecl, Professorin der Philosophie an der London School of Economics, befasst sich im ersten Abschnitt ihres heuer ins Deutsche übersetzten Buches mit dem Beispiel Ratgeberliteratur, also mit jenen Büchern, die den Verlagen in den letzten Jahrzehnten ein besonders gutes Geschäft beschert haben. Denn viele dieser Werke geben vor, uns dabei zu unterstützen, erfolgreich zu werden, ungeahnte brachliegende Potenziale zu entdecken, unangenehme Eigenschaften loszuwerden, eine Verbindung zwischen uns und dem Universum herstellen zu können usw. Kurzum: Selbsthilfebücher versprechen uns, mehr oder weniger alles erreichen zu können, wenn wir uns damit nur entsprechend auseinandersetzen.

Zentrale Botschaft ist meist, dass es einzig und allein an uns selber liege, ein perfekter Mensch zu werden, man muss es nur wollen und sich auf den Weg begeben! (Und natürlich das richtige Werk dafür kaufen!) Doch Salecl belegt, dass man nur eines tun darf, wenn man sich wirklich selber helfen will: und zwar auf jegliche Ratgeberliteratur verzichten! Denn die schafft im Normalfall mehr Probleme als sie zu lösen verspricht!

Verzicht ist aber schwierig, geht es doch im Spätkapitalismus vor allem um eines: ums Konsumieren, so Salecl. Denn wie ein bekannter Slogan in pervertierter Abwandlung eines Goethezitats lautet, ist ja schließlich nur derjenige ein Mensch, der einkauft! Wenn wir dazugehören wollen, müssen wir uns folglich im Strom der Konsumentinnen und Konsumenten mitbewegen, an allen Trends beteiligen und unsere erfolgreiche Existenz durch den ständigen Kauf von Waren und Dienstleistungen belegen!

Ja, alles scheint heute machbar! Stört uns zum Beispiel etwas an unserem Körper, trainieren wir es weg. Dazu gibt es heute nicht nur entsprechende Literatur, sondern auch „Personal Coaches“, die uns zur Seite stehen – vorausgesetzt, wir können sie uns leisten! Lässt sich etwas nicht wegtrainieren, dann haben wir die Wahl, über die plastische Chirurgie unseren Körper Schritt für Schritt mittels operativer Eingriffe zu „verschönen“. Auch das kostet viel Geld und beschert den Schicki-Micki-Ärzten Berühmtheit, exotische Fahrzeuge und beeindruckende Häuser.

Befriedigt uns der Beruf nicht mehr, entwickeln sich die Kinder in eine Richtung, die uns nicht gefällt, oder verläuft die Beziehung anders als gewünscht: Die meisten Ratgeber verkaufen uns wunderbar die Illusion, dass alle Wünsche möglich und erfüllbar sind, wenn wir es nur wollen. Und das Internet unterstützt uns dabei, denn über einschlägige Plattformen im Internet finden wir ständig neue Angebote, die unsere Defizite ausgleichen sollen.

Doch konsumieren wir so intensiv, wie es der Markt von uns erwartet, begeben wir uns damit in einen wahren Teufelskreis, so Prof. Salecl, denn die scheinbare Möglichkeit der „grenzenlosen Wunschbefriedigung“ schafft viele neue Probleme, die bis hin zur Selbstzerstörung durch „Selbstkonsumierung“ führen können – man denke nur an Probleme wie Drogenabhängigkeit, Kauf- oder Magersucht usw.

Alles machbar, Herr Nachbar?

Geschichtlich gesehen wurzelt der Irrglaube über die Machbarkeit aller Dinge in der Zeit der Aufklärung, als sich das Bürgertum von Adel und Kirche emanzipierte und selbstbewusst postulierte, dass eigentlich alles möglich sei, wenn man sich nur seines Verstandes bedient. Daniel Defoes „Robinson Crusoe“ ist ein klassisches Beispiel dafür, dass ein rationell denkender Mensch selbst unter ungünstigsten Bedingungen erfolgreich sein kann und sich dadurch von den „unvernünftigen Wilden“ unterscheidet.

So haben wir bei oberflächlicher Betrachtungsweise heute wohl sehr viele Wahlmöglichkeiten, die unsere Vorfahren nie hatten. Andererseits stehen wir aber oft vor der prekären Situation, die richtige Wahl zu treffen, da wir gezwungen sind, „vernünftige“ Entscheidungen zu treffen und ständig zu wählen. Vor einer Wahl zu stehen kann großen Druck mit sich bringen, denn ein wichtiger Aspekt, der uns beim Wählen leitet, ist das Gefühl der Scham. Und zwar die Scham davor, sich z.B. vor den Mitmenschen zu exponieren, eine unangenehme Blöße zu geben, indem man vielleicht in einer Boutique Dinge wählt, die nicht zusammenpassen, im Fachgeschäft den falschen Käse oder im Restaurant den falschen Wein – und dass man dafür von anderen als inkompetent betrachtet werden könnte. Unsere Angst, nicht gut genug zu sein und durch eine falsche Entscheidung einen Fehler zu begehen, macht daher so manche Wahl zu einer traumatischen Erfahrung!

Über (zu) viele Seiten beschäftigt sich Salecl mit der Philosophie Jacques Lacans, der den Begriff des „großen Anderen“ in der Psychoanalyse prägte. Dieser steht für den Raum des „Nicht-Ichs, also die Sprache, die Institutionen, die Kultur und alles, was den sozialen Raum bedeutet, in dem das Ich sich konstituiert“. Weil wir heute annehmen, dass es niemanden gibt, der über unsere Entscheidungen wacht und uns beim Wählen magisch leitet, erfinden wir stattdessen symbolische Strukturen, die uns beraten sollen. Das ist z.B. der Fall, wenn wir vor anstehenden Entscheidungen teure astrologische Hilfe konsultieren oder auch starke Politiker ersehnen, die uns Entscheidungen abnehmen. (Eine aktuelle Umfrage belegt Salecls These, denn knapp ein Drittel[2] der Österreicherinnen und Österreicher wünscht sich „weniger Wahlen“ und einen „starken Mann“ in der Politik!)

Letztlich habe der Kapitalismus den Sklaven befreit, so Lacan, um ihn zum Konsumenten zu machen. „Doch grenzenloser Konsum endet mit einem Konsumenten, der sich selbst konsumiert.“

Der deutsche Philosoph Ludwig Feuerbach kam im 19. Jahrhundert zur Erkenntnis, dass „der Ursprung, ja das eigentliche Wesen der Religion der Wunsch ist. Hätte der Mensch keine Wünsche, so hätte er auch keine Götter.“

Viele unserer Wünsche, so die Philosophin Salecl, werden jedoch in der postmodernen Gesellschaft vom Markt vorgegeben, denn dieser ist inzwischen zum „großen Anderen“ geworden bzw. in Anlehnung an Walter Benjamin zu Gott. Die Autorin ist überzeugt, dass uns der Kapitalismus voll und ganz beherrscht – und wir bemerken es nicht einmal!

Mit ihrem Werk, das dezidiert kein (!) Ratgeber sein will und keine Tipps zur Bewältigung der Misere gibt, zeigt Salecl auf, „in welche Sackgassen die Ideologie der Wahl führen kann, wenn sie nämlich dem Individuum die Last aufbürdet, selbst über alles entscheiden zu können“. Was vordergründig aussieht wie Freiheit, ist letztlich ein selbst gewähltes Joch, das wir tragen, die „Tyrannei der Wahl“!

In anderen Worten ein Zustand, der auf Dauer zu massiver Unzufriedenheit führen kann, müssen wir uns doch eingestehen, dass rationale Entscheidungen nicht garantieren können, im Leben stets die Kontrolle zu bewahren, es vorhersehbar zu machen und so jedes Risiko a priori zu vermeiden. Wenn uns das aber bewusst ist, dann können wir immerhin wählen, ob „wir diese Tyrannei der Wahl akzeptieren oder ablehnen wollen“.

Und das ist doch eine durchaus schöne Alternative!

 

Das Buch
Salecl, Renata; Die Tyrannei der Freiheit. Warum es eine Zumutung ist, sich anhaltend entscheiden zu müssen; München; Verlag: Blessing; 2014;
ISBN-13: 978-3-89667-521-7

 

Interessant für
Allgemein, Psychologie, Pädagogik, Soziologie

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[1] Quelle: https://www.youtube.com/watch?v=1bqMY82xzWo abgerufen am 25. 5. 2014

[2]Quelle: Sora-Umfrage vom 7. Mai 2014 http://goo.gl/k9hJdO abgerufen am 25. 5. 2014

Tags: 04 Österreich und die Welt · 07 Rezensionen