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Das ist ja völlig utopisch!

15. Juni 2014

blume
Der Weltreporter Marc Engelhardt zeigt uns in seinem jüngst erschienenen Werk „Völlig utopisch“ unterschiedlichste Beispiele „einer besseren Welt”, und zwar wie Menschen rund um den Globus versuchen, ihr Leben bewusst anders als der Mainstream zu gestalten.

Das Vorwort dazu schrieb der in Wien lebende Autor Ilja Trojanow, dem im Herbst 2013 die Einreise in die USA verweigert wurde. Sein „Vergehen” war wohl, dass er im Jahr 2009 das Buch „Angriff auf die Freiheit. Sicherheitswahn, Überwachungsstaat und der Abbau bürgerlicher Rechte” veröffentlicht und darin auf die inzwischen sattsam bekannten Praktiken einiger Geheimdienste und Medienkonzerne verwiesen hatte. Nicht nur deswegen schien dieser Autor prädestiniert dafür, die einleitenden Worte für Engelhardts Buch zu verfassen!

Trojanow argumentiert, dass „Überwachungsstaat, oligarchische Strukturen und destruktive Finanzmärkte“ gesellschaftliche Gegenentwürfe „geradezu provozieren“, da wir heute in immer mehr Bereichen geradezu dystopische Zustände erleben und fassungslos zusehen müssen, mit welcher Dynamik z.B. technische Entwicklungen weitgreifende gesellschaftliche Fehlentwicklungen bedingen. Eingelullt jedoch von der „Ersatzdroge Konsum“ – man denke nur an den Slogan „Hier bin ich Mensch, hier kauf ich ein“ – nehmen offenbar die meisten Menschen in der Ersten Welt das Eindringen von weltumspannenden Konzernen und staatlichen Organisationen in die Privatsphäre in Kauf. Doch einige entziehen sich diesem „Fortschritt“ und leben stattdessen ihre Utopie, suchen teilweise unter großen Entbehrungen und auch Gefahren ihren „Nicht-Ort“ (= utopos) auf, um dort ihre Vision zu verwirklichen und ihr Glück zu finden.

„Die Revolution von morgen beginnt schon heute im Kleinen“, weiß Trojanow. Und so finden wir in dem Sammelband ungewöhnliche Lebenskonzepte von mutigen Menschen, die sich nicht abschrecken ließen, ihre zumeist von der Gesellschaft als unrealistisch oder abgehoben betrachteten Projekte in die Tat umzusetzen. Drei davon sollen unten näher angeführt werden.

Das Leben als Illusion

Der Begriff „utopisch” verfügt laut Duden über eine Reihe von Bedeutungen, die meisten davon haben negative Konnotationen. Utopisch im Sinne von „fast zu schön, um wahr zu sein“ ist z.B. der niederländische Ansatz, wie man demenzkranken Menschen ein würdiges Leben ermöglicht, ohne dass sie das Gefühl haben, eingesperrt zu sein.

In der Nähe der Stadt Amsterdam baute man dafür – mit viel Sponsorengeld – auf rund 15.000m² das innovativste Pflegeheim der Welt. Dort leben 152 Menschen in 23 Backsteinhäusern, die von etwa 300 professionellen und freiwilligen Pflegern betreut werden. Ziel ist es, den alten Leuten den Eindruck zu vermitteln, nicht in einem an ein Gefängnis erinnerndes Heim verwahrt zu sein, sondern sein Leben ähnlich wie vorher, doch gut betreut zu leben.

Um diese Illusion zu ermöglichen, sieht das Heim wie ein Dorf aus und die Betreuer/innen sind durch ihre Bekleidung nicht als solche erkennbar. Außerdem bietet das Heim sieben unterschiedliche Lebensstile an, um dem kranken Arbeiter oder der Dame aus der gehobenen Schicht das Gefühl zu vermitteln, in ihrer gewohnten Umgebung zu leben. In dem Areal dürfen sich die Demenzkranken überall frei bewegen, der Weg hinaus oder hinein führt aber nur an der Rezeption vorbei. Nur eines von vielen positiven Ergebnissen des Projekts ist, dass die Menschen in de Hogeweyk in ihren letzten Lebensjahren wesentlicher weniger Medikamente einnehmen müssen.

Waldorf in China

Utopisch im Sinne von fantastisch ist das chinesische Beispiel der Nanshan-Schule im Norden Pekings. Huang Mingyu hat dort eine Waldorfschule gegründet, die inzwischen – obwohl offiziell nicht zugelassen – zu einer Erfolgsgeschichte geworden ist.

Durch Mundpropaganda ist diese Schule inzwischen so bekannt, dass viel mehr Eltern ihre Kinder an dieser Schule unterbringen wollen, als sie aufnehmen kann. Und dies, obwohl die Kinder nach dem Abschluss kein offizielles Zeugnis erhalten und daher in China nicht studieren dürfen. Eltern melden ihre Kinder trotzdem an, denn an chinesischen Schulen würden Kinder und Jugendliche „zu Reproduktionsmaschinen“ erzogen, auch gäbe es keinen „Respekt für die Kindheit“.

Für andere Eltern spielen politische Motive eine Rolle, sollen doch ihre Kinder dort ein „korrektes Bild von China und seiner Geschichte“ bekommen und nicht durch die staatlichen Institutionen manipuliert werden. Der Schulgründer Huang hat sich auf das Abenteuer Waldorfschule eingelassen, als seine Tochter in die Schule kam und es keine Alternative zum staatlichen Drillsystem gab.

Statt gut funktionierende chinesische Bürger heranzubilden, die vor allem gelernt haben, Autoritäten bedingungslos zu gehorchen, vermittelt seine Schule vieles auf spielerische Art und Weise. Und achtet vor allem darauf, dass die Kinder eine glückliche Schulzeit erleben und damit eine Basis erhalten, die ihnen später ermöglicht, anders bzw. glücklicher zu leben.

Sinnsuche im Land der Kiwis

Ein extremes Beispiel eines alternativen Lebensplans beschreibt Anke Richter in ihrem Artikel über den neuseeländischen Aussteiger Robert Long. Der entschloss sich vor mehr als drei Jahrzehnten, Medizinstudium und Karriere in der akademischen Welt aufzugeben, um fortan dem Konsum zu entsagen und wie die ersten Maoris zu leben. Allerdings nicht in der Gemeinschaft, sondern alleine.

Und dies an einem vollkommen abgeschiedenen Ort im Südwesten der Insel, wo keine Straße mehr hinführt und es keinerlei Errungenschaften der Zivilisation mehr gibt. Long, der in Neuseeland auch als „Beansprout“ bekannt ist, streifte jahrelang in den Wäldern der Insel umher und ernährte sich von den Dingen, die er im Wald fand, bevor er sich in einer schlichten Hütte an einem Fluss niederließ. Ohne Strom und Wasseranschluss – und nur mit einem Meißel als Werkzeug.

Nach einigen Jahren der Einsamkeit – der spirituelle Long hatte Gott darum gebeten, ihm eine Frau zu schicken – besuchte die Immunologin Catherine den Aussteiger und blieb bei ihm. Das Paar, das sich überwiegend von selbst angebauten Kartoffeln und Fisch ernährt, bekam zwei Kinder, die in der vollkommenen Abgeschiedenheit dieses „Nicht-Ortes“ aufwuchsen und inzwischen erwachsen sind. Zwar zogen sie weg, führen aber den Lebensstil ihrer Eltern weiter.

Für seinen Sohn musste Long allerdings auch Zugeständnisse einräumen, wie er zugibt, und Dinge wie einen Gaskocher sowie einen Laptop anschaffen. Der PC ist inzwischen zu einer Art digitaler Nabelschnur geworden, denn per Skype hält das Paar den Kontakt zu seinen Kindern Christian und Robin aufrecht.

Marc Engelhardt hat in seinem Buch 17 Geschichten von alternativen Lebenskonzepten gesammelt. Einige davon sind bewundernswert, weil sehr mutig, extrem, manchmal auch durchgeknallt, doch utopisch im absolut positiven Sinn.

Andere hingegen stimmen nachdenklich, doch optimistisch, dass Menschen auf der Suche nach einem anderen Leben dazu bereit sind, vieles aufgeben, um die Zwänge der modernen Gesellschaft zu überwinden. Freilich, nicht alles sind „Beispiele einer besseren Welt“, wie z.B. das in die Jahre gekommene dänische Hippie-Projekt „Christiania“, doch Buchtitel werden ja selten von den Autoren selber verfasst.

Dieser Band kann die Leserin bzw. den Leser jedenfalls motivieren, in unserer heutigen High-Tech-Konsumwelt nicht nur utopischen Tagträumen nachzuhängen, sondern vielleicht sogar Schritte zu setzen, um seine Träume an einem „Nicht-Ort“ in die Tat umzusetzen!

 

Das Buch

Engelhardt, Marc (Hrsg.); Völlig utopisch! 17 Beispiele einer besseren Welt; Verlag: Pantheon; München; 2014; ISBN: 978-3-570-55244-5

 

Interessant für
Allgemein, Pädagogik, Psychologie, Geschichte, Religion, Ethik

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