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Auf die Lehrer kommt es an!

3. März 2014

Michael Felten, Lehrer an einem Gymnasium in Köln, hat ein angenehm zu lesendes Buch geschrieben. Untertitel: Für eine Rückkehr der Pädagogik
in die Schule.

Der Mann ist ein Praktiker, der die Theorie mag. Wohl nicht zufällig weist der Buchtitel auf die Hattie-Studie hin, die unter anderem die Erkenntnis brachte, dass der wichtigste Faktor für den Lernerfolg die Lehrerin und der Lehrer sind. Was allerdings nicht bedeutet, dass die anderen Faktoren wie System, Schulausstattung oder Image keine Rolle spielen.

Michael Felten jedenfalls widmet sich der „Lehrperson“, wie es neuerdings gendermäßig korrekt heißt und beginnt mit einem Experiment, das in Schweden stattfand.

Ein TV-Produzent (Thomas Axelsohn) hatte die Idee, die besten Lehrer/innen Schwedens eine schwierige Klasse ein halbes Jahr unterrichten zu lassen. Dabei wurden sie von einem Filmteam begleitet, die Dokumentation sollte eine Bildungsdebatte in Gang setzen, die Süddeutsche Zeitung berichtete davon.

Das Ergebnis war für alle Seiten erfolgreich: Die Schüler/innen verbesserten sich so sehr, dass die vormals schwierige Klasse mit Schulverweiger/innen beim (in Schweden verpflichtendem) Abschlusstest in Mathematik an erster Stelle des Landes lag und an vierter Stelle in Schwedisch. Der (öffentlich-rechtliche) TV-Sender hatte hohe Einschaltquoten und sogar die „alten“ Lehrer/innen, denen öffentlich gezeigt wurde, dass sie ihren Unterricht verbessern müssen, nahmen nach Aussage einer Schülerin diese Kritik an. (Die Schülerin fand das übrigens sehr toll.)

Nach dieser Einleitung folgen ein paar überflüssige Seitenhiebe auf Reformpädagogik und Gesamtschule, in dem ihren Befürworter/innen vorgeworfen wird, sie sehen in ihr die Lösung aller Probleme.

Soweit mir bekannt ist, gibt es keine Befürworter/innen von Gesamtschulen, die darin ein „Gesamtheilmittel“ sehen. Ihnen geht es in erster Linie um einen möglichst freien Zugang zu Bildung, und dieser soll nicht durch eine Trennung von „guten“ und „weniger guten“ Kindern ab zehn Jahren versperrt werden. Und dass gerade die Reformpädagogik großes Interesse an den Leistungen der Jugendlichen hatte, verdrängt der Autor, aus welchen Gründen auch immer, leider auch. Schließlich entstand diese Bewegung deshalb, weil das damals bestehende Schulsystem es nicht schaffte, Jugendlichen Grundkenntnisse etwa im Schreiben und Rechnen beizubringen.

Aber das ändert nichts am Wert des Buches.

Systemfehler?

Übrigens weist der Autor auf einen Systemfehler hingewiesen, den ich nicht kannte. Nach den PISA-Ergebnissen wurde gerne behauptet, es gäbe keinen wissenschaftlich erkennbaren Unterschied zwischen großen Klassen und kleinen.

Michael Felten schreibt, dass dies „auf eine clevere Weise irreführend ist. Richtig ist lediglich, dass es die Lernwirksamkeit kaum beeinflusst, wenn man die heute üblichen 30er-Klassen mit 25er-Klassen vergleicht. … Indes gibt es unterhalb von etwa 17 Schülern einen drastischen Qualitätsanstieg.“ (S. 100, Hervorhebung durch EL)

Mit anderen Worten: Der Autor ist kein grundlegender Gegner von Systemänderungen, ihn ärgert wohl eher jene Erwartungshaltung mancher Menschen, dass Kinder/Jugendliche selbst wissen, wann und was sie lernen sollen.

Gegen diese Haltung – besser wohl: Nicht-Haltung – schreibt Michael Felten an und setzt dem gegenüber eine liebevolle, wenn man so will „autoritäre“, besser wohl „respektvolle“ Haltung.

Michael Felten setzt sich dafür ein, dass Lehrer/innen nicht geduldig darauf warten, bis ihre Schüler/innen irgendwann einmal – oder auch nicht – bereit sind zu lernen, sondern fordert pädagogisches Handeln ein.

„Lehrer haben auch die Aufgabe, Schüler mit schwierigen Situationen zu konfrontieren und ein mögliches Ausweichen zu verhindern. Denn nur der wächst, der Herausforderungen annimmt, der Belastungen bewältigt, der mit eigener Kraft Steine aus dem Weg räumt. Lehrer sind wie Leitplanken, die verhindern, dass Schüler in den Graben fahren.“ (S. 37)

Und wenn sie dazwischen lachen, die Lehrer/innen, dann hilft das dem erfolgreichen Unterricht.

„Humor ist die Charaktereigenschaft, die Schüler am meisten schätzen, mit stabilen Umfragewerten über Jahrzehnte hinweg. Genauer gesagt: Sie schätzen Lehrer mit hohen Werten an Heiterkeit, einem Mittelmaß an Ernst, und niedrigen Anteilen an feindlichen Humorformen wie Ironie oder gar Spott.“ (S. 85)

Ich habe dieses Buch gerne gelesen, weil Michael Felten gut und verständlich schreibt.
Ich habe gespürt, dass es diesem Lehrer um die Schüler/innen geht.
Und ich habe viele praktische Hinweise bekommen, wie guter Unterricht funktionieren kann.
Und warum unser Beruf mit all seinen Schattenseiten sinnvoll ist, mit den Worten von Michael Felten:

„Und dann ist da noch etwas: Wer ein Klassenzimmer betritt und Schülern etwas beibringen möchte, geht ein Wagnis ein. Niemand kann ihm vorher sagen, wie sie heute sein werden und wie er mit ihnen wohl zurechtkommen wird. Und sollte ein Lernschritt – oder auch mal die gesamte Stunde – schiefgehen, so kann er nicht einfach vor den Kindern davonlaufen, weder für den Rest der Stunde noch endgültig. Junge Menschen sind erstens keine Maschinen und zweitens manchmal schwierig – weil weder Lernen noch Erwachsenwerden für sie ein Kinderspiel ist. Damit immer wieder auf’s Neue fertig zu werden, das ist ebenso Zumutung wie Herausforderung – vielleicht sogar eines der letzten Abenteuer in der Wohlstandsgesellschaft.“ (S. 174)

Das Buch

Felten, Michael; Auf die Lehrer kommt es an – Für eine Rückkehr der Pädagogik in die Schule; Verlag: Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh; 2. Auflage 2011;
ISBN-13: 978-3-579-06882-4

Interessant für
Allgemein, Psychologie, Pädagogik

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