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Schwänzt die Schule das Lernen?

28. Februar 2014

Groß ist die Kluft, die sich auftut, wenn wir den Status Quo des Lernorts Schule vergleichen mit dem, was maßgebliche Expertinnen und Experten
als wünschenswerten Idealzustand beschreiben. Denn während sich die Gesellschaft um ein großes Stück weiterentwickelt hat, hat sich die Schule leider nur ansatzweise, nicht aber vom grundlegenden Konzept her geändert.

Die Schule, konstatiert der innovative Schweizer Schulleiter und Buchautor Andreas Müller[1] in seinem aktuellen Werk, besitzt leider „keine Veränderungstradition. Sie hat keine Übung darin, mit dem Wandel umzugehen“ (S 12). Und dies, obwohl „der Schule ganz fundamentale Veränderungen ins Haus stünden“.

Denn viel zu sehr verharrt das änderungsresistente System Schule im Großen und Ganzen noch in der Phase, wie es vielleicht vor ein- oder zweihundert Jahren unter wesentlich anderen Bedingungen und Zielsetzungen gut funktionieren konnte. Und so erinnern nicht nur zufällig viele Schulgebäude von ihrer lieblosen Gestaltung her an Kasernen, ebenso die langen Gänge mit der herunterbröckelnden Farbe und die oft wenig einladenden Klassenzimmer, ja selbst die Sitzordnung in den Klassen ist oft noch dieselbe wie im 19. Jahrhundert.

Es sind nicht nur die Gebäude, die mehr oder weniger an den Geist längst vergangener Epochen erinnern, auch das, was in ihnen geschieht, ist mittlerweile häufig überholt. Denn wie sollen, um es mit Müller zu sagen, die Lehrer/innen von gestern die Schüler/innen von heute in einem System von vorgestern auf übermorgen gut vorbereiten?

In seinem jüngsten Buch mit dem Titel „Die Schule schwänzt das Lernen[2]“ beschäftigt sich der umtriebige Autor und Lehrer mit dem Spannungsfeld Schule im deutschsprachigen Raum – er kritisiert, spricht viele Probleme an und bietet Auswege aus der Misere an. Anders als die öffentliche Diskussion über die Schule, die überwiegend an der Oberfläche stattfindet und sich meist mit strukturellen oder formalen Dingen auseinandersetzt, weil diese ja stets gute Schlagzeilen bringen, spricht der Praktiker Müller aus Sorge um die Schule den Kern der Probleme an und kritisiert aus seiner Erfahrung heraus brennende Themen.

In sechs Kapiteln hält er der Schule einen Spiegel vor und weist auf zwar liebgewonnene, doch längst überkommene Traditionen wie z.B. die langen Sommerferien hin, fordert, dass Lernen und Leistung in der Schule anders bewertet werden müssen, plädiert für die Aufgabe alter Rollenbilder und eine neue Form der Kooperation und der professionellen Beziehung zwischen Schülern und Lehrer, verweist auf Paretos 80:20-Prinzip  und fordert damit die Entschlackung der Curricula („Weniger ist mehr“).

Als Direktor der Privatschule Beatenberg weiß der Autor, was machbar ist und was nicht. Die reine Stoffvermittlung war gestern, heute muss das Motto „Bildung durch Bindung“ lauten. Denn es gibt kein Lernen ohne Beziehung. Und „professionelle Beziehungsarbeit ist vor allem eines: Zusammenarbeit. Das sind zwei Begriffe: „Zusammen“. Und: „Arbeit“. (S 117).

Weg vom „Bulimielernen“ und hin zu einer Neubewertung des Lernens!

Seit Benjamin Bloom mit der „Taxonomie der kognitiven Lernziele“ die akademische Praxis an seiner Universität aufzeigte und damit verändern wollte, wissen wir, dass es auch in der Schule um viel mehr gehen muss, als nur um das Auswendiglernen und Wiedergeben von Fakten zu einem bestimmten Zeitpunkt – und das Vergessen des Stoffes danach.

Nichtsdestotrotz lernen heute Kinder und Jugendliche weiterhin oft nur für die Prüfung bzw. für die Bescheinigung, dass etwas gelernt wurde, wie es der Lehrer wollte – und das meist danach wieder ad acta gelegt werden kann.

Schule heute: eine „Scheinwelt“!

Müller, alles andere als ein Vertreter der Spaß- und Kuschelpädagogik, betont, dass eigentlich Lernen (und Leistung) einen hohen Eigenwert an sich besitzen müsste – und nicht erst Wert durch die Note erhalten darf, die jemand bekommt.

Lernen, so der Autor, braucht die Fähigkeit, konstruktiv mit Widerständen umgehen zu können und auch seine Zeit selbst zu organisieren und den „inneren Schweinehund“ in Zaum zu halten. Was jedoch Jugendliche im Lauf der Jahre im System Schule lernen, sind wesentlich andere Dinge: Sie erwerben Strategien und Taktiken, wie man Unwissen verheimlicht, unangenehme Arbeiten vermeidet und die Unterrichtszeit effektiv für Nebentätigkeiten nutzt.

Im System Schule haben eben Lernen und Wissenserwerb an sich häufig kaum Wert, sondern erhalten diesen erst durch Prüfungen und Benotung (S. 23). Und Prüfungen mutieren deshalb „gleichsam zum Hauptzweck der Bildung“ (S. 24).

Es geht also nicht darum, etwas zu lernen, das für einen wichtig ist, sondern darum, Stoff für die Prüfung, für die Lehrperson zu lernen, diesen zu einem bestimmten Zeitpunkt zu reproduzieren und danach wieder abzuhaken, sobald die Schule den Erfolg per Note bescheinigt hat. Müller nennt daher die Schule eine „Scheinwelt“ (S. 23), in der nur mehr das punktuell Messbare zählt und das Weiterkommen.

Der englische Philosoph Alan Watts[3] hat dieses Thema in einer Vorlesung angesprochen und kritisiert, wie sehr wir im Leben ab dem Kindergarten von einem Ziel zum anderen streben und dabei häufig vergessen, was es heißt zu leben. Mit 40 sagt man sich dann, „Mein Gott, ich bin da und habe mein Ziel erreicht!“ Doch fühlt man sich nicht besser als zuvor, im Gegenteil

Die Vorstellung des Lebens als Reise, von der uns nur das Ende als erstrebenswert erscheint, ist falsch. Denn Watts ist überzeugt, dass wir das Leben wie ein Musikstück betrachten müssen:  Vergleichen wir diese zielorientierte Einstellung zum Leben mit der Musik, würde es bedeuten, dass uns an einer Komposition nur mehr das Ende interessiert, nicht aber die Musik selber. Musiker bräuchten daher nur mehr imposante Finale zu schreiben, um die Menschen zu begeistern – was absurd ist.

Ein unbekannter Künstler hat auf Youtube Watts’ Worte grafisch umgesetzt („Life and Music“): https://www.youtube.com/watch?v=ERbvKrH-GC4)
abgerufen am 4. 2. 2014

Lebenslanges Lernen: Neubewertung von Leistung

Eine gelungene Leistung bringt positive Gefühle mit sich, ein Erfolgserlebnis, einen Aha-Effekt im besten Fall. Es macht viel Freude, neue Zusammenhänge zu erkennen und in einem Bereich Kompetenzen zu erwerben.

„Faulheit gefährdet das Wohlergehen“ schreibt Müller in Anlehnung an Immanuel Kant, der wusste, dass „alle Stärke nur durch Hindernisse erkannt wird, die sie überwältigen kann“ (S. 250).

Leistung zu erbringen strengt normalerweise an, doch Lernende profitieren enorm, wenn der Aufwand mit einem Erfolgserlebnis verbunden ist, erleben sie doch damit das erhebende Gefühl, eine heftige Herausforderung besiegt zu haben. Gerade in der heutigen Gesellschaft müssen wir den sich ständig ändernden Anforderungen durch lebenslanges Lernen Paroli bieten und laufend am Ball bleiben. Es genügt nicht mehr, nur eine Ausbildung anzustreben und dann zu meinen, damit für sein ganzes Leben ausgelernt zu haben. Stattdessen ist es eine grundlegende Kompetenz, flexibel auf die jeweiligen Anforderungen reagieren zu können!

Das sehr liebevoll gestaltete Buch des innovativen Pädagogen, das über zahlreiche aufwändige Grafiken und Cartoons des Grafikers Roland Noirjean verfügt und in angenehm einfacher Sprache geschrieben ist, bietet viele konkrete Beispiele an, wie die in ihren Traditionen erstarrte Schule so zu gestalten wäre, dass alle beteiligten Parteien profitieren können, vor allem aber die Kinder und Jugendlichen.

Müller unterscheidet sich von anderen Autoren dadurch, dass er dem Leser den Eindruck vermittelt, nicht nur ein Buch über das System Schule geschrieben zu haben, weil es unter Lehrern, Neurobiologen und Philosophen usw. im Moment en vogue ist, seinen Standpunkt dazu zu publizieren. Vielmehr vermittelt er dem Leser das Gefühl, mit beiden Füßen am Boden zu stehen und zu wissen, wovon er schreibt. „Die Schule schwänzt das Lernen“ ist ein sehr optimistisches Buch, das bereits jede/r Lehramtsstudierende im ersten Semester lesen sollte, um einen Eindruck zu gewinnen, was auf ihn bzw. sie zukommen wird und welche – durchaus realistischen – Auswege sich anbieten, um es zumindest selbst in der täglichen Arbeit mit den Kindern und Jugendlichen in der Klasse besser zu machen!

Das Buch

Müller, Andreas; Die Schule schwänzt das Lernen. Und niemand sitzt nach.
Bern: hep, 2013. ISBN 978-3-03905-513-5

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[1] Müller leitet die Privatschule Institut Beatenberg. Vgl. www.institut-beatenberg.ch abgerufen am 4. 2. 2014

[2] Müller, Andreas: Die Schule schwänzt das Lernen. Und niemand sitzt nach. Bern: hep, 2013. ISBN 978-3-03905-513-5

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