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Intelligenz: die unbekannte Größe?

9. Juni 2013

Artificial.intelligence (public domain, Wikimedia)

Quelle: Wikimedia, Public Domain

Während man sich landläufig unter einem intelligenten Menschen jemanden vorstellt, der sehr viel weiß und sein Wissen bei Bedarf reproduzieren kann, nähert sich die Wissenschaft diesem komplexen Begriff vorsichtiger an. Der Philosoph Richard David Precht bezeichnet z.B. in seinem Bestseller „Anna, die Schule und der liebe Gott“ Intelligenz als etwas, „das man benutzt, wenn man nicht weiß, was man tun soll.“ Wikipedia[1] hingegen definiert den Begriff „Intelligenz“ abstrakter, und zwar als „Sammelbegriff für die kognitive Leistungsfähigkeit“ eines Menschen. Und der Intelligenzforscher Howard Gardner[2], unzufrieden mit den herkömmlichen IQ-Tests,  spricht mittlerweile von neun verschiedenen Formen der Intelligenz (die hier nicht aufgelistet werden sollen).

Wer sich gerne selbst darüber ein umfassendes Bild machen will, was Intelligenz ist, wie sie entsteht, welche Bedingungen förderlich sind und weshalb sich unsere Gesellschaft dringend mit diesem Thema auseinandersetzen muss, für den empfiehlt es sich, zu Aljoscha Neubauers und Elsbeth Sterns jüngst erschienenem Buch „Intelligenz: Große Unterschiede und ihre Folgen[3]“ zu greifen.

In ihrem Werk fassen die beiden Wissenschaftler eindrucksvoll den derzeitigen Stand der Forschung über die Ressource „Intelligenz“ zusammen. Einerseits sehen sie die dringende Notwendigkeit, eine deutliche und wissenschaftlich fundierte Gegenposition zu den kruden Thesen eines Thilo Sarrazin zu formulieren. Der hatte ja in seinem Bestseller „Deutschland schafft sich ab“  – wie andere bereits vor ihm – die so genannte „Verdummungsthese“ in Verbindung mit der Immigration gebracht und davor gewarnt, dass durch die Einwanderung vieler bildungsferner Menschen die Intellenz im Lande abnehme und daher Deutschland verdumme.

Dass der Sachverhalt jedoch wesentlich komplexer ist und keineswegs so simpel dargestellt werden darf, wie uns manch ein Populist weismachen will, belegen Neubauer und Stern in ihrem Buch. Zwar stecken die Erbanlagen von Mutter und Vater durchaus die Koordinaten ab, innerhalb derer sich der zukünftige Mensch bewegen kann[4]. Doch spielt die „Qualität der Umwelt[5]“ eine enorme Rolle bei der individuellen Ausformung des geistigen Potenzials. Studien belegen, dass die allgemeine Intelligenz nämlich nicht von Geburt an vorhanden ist, sondern sich in den ersten Lebensjahren aus den positiven Interaktionen mit den Bezugspersonen entwickelt – sind wir Menschen doch hochgradig soziale Lebenswesen. Andererseits weiß die Wissenschaft heute aber auch, dass  Intelligenzunterschiede, die erblich festgelegt sind, nicht durch besonders günstige Umweltbedingungen – oder besonderen Fleiß und Disziplin- ausgeglichen werden können.

Wie Intelligenz fördern?

Müttern, die ihren ungeborenen Babys z.B. klassische Musik vorspielen, um ihr Potenzial zu fördern und ihre Chancen im Leben zu verbessern, erteilen die beiden Wissenschaftler eine Abfuhr, denn es reicht in der Schwangerschaft vollkommen aus, den Fötus ohne toxische Einwirkungen heranwachsen zu lassen. Spannend ist auch die Erkenntnis, dass Kinder später, bei einer Ernährung mit Muttermilch vier IQ-Punkte dazubekommen, weil beim Stillen das Enzym Delta-6-Desaturase weitergegeben wird[6]. Soziale Interaktion und emotionale Bindung sind somit jene wichtigen Faktoren, die einem Kleinkind dazu verhelfen, seine Anlagen positiv zu entwickeln.

Mit Nachdruck erheben Neubauer und Stern ihre Stimme, um darauf hinzuweisen, dass „Intelligenz als Rohstoff einer Gesellschaft gesehen muss, der sich in wirtschaftlichen Wohlstand umwandeln lässt[7]“. So plädieren sie dafür, Kinder bereits ab dem vierten Lebensjahr einzuschulen und vor allem die Ausbildung der Kindergärtner/innen auf akademisches Niveau anzuheben, wie das in den Niederlanden und in Finnland schon seit Jahren der Fall ist. Denn kein europäisches Land, das wettbewerbsfähig bleiben will, kann es sich auf Dauer leisten, die Ressource Intelligenz ungenutzt zu lassen. Gerade das aber geschieht hierzulande, betonen die Autoren, denn Schulsysteme wie das deutsche und österreichische sind so ausgelegt, dass  Bildung gleichsam vererbt wird und darüber hinaus die frühe Selektion im Alter von 10 Jahren vielen Kindern den Weg zu einer guten Ausbildung versperrt. Und Ressourcen damit vergeudet werden. Zwar belegen Studien, dass sich der IQ bei den meisten Kindern mit etwa 10 Jahren stabilisiert hat, doch weiß man heute auch, dass sich in diesem Alter bei 20% der Schülerinnen und Schüler noch erhebliche Veränderungen  – in beide Richtungen – manifestieren können. Neubauer und Stern plädieren daher dafür, die Weichen für die weitere schulische Laufbahn unserer Kinder frühestens mit 12 Jahren zu stellen.  Unerlässlich hingegen sei es, dass sich jede Schule nicht nur um die 15% der SchülerInnen vom unteren Ende der Normalverteilung kümmert, sondern genauso um jene 15% des oberen Endes der Skala. Und das ist nur möglich, wenn individualisiert unterrichtet wird und alle Kinder und Jugendlichen nach ihren Fähigkeiten behandelt werden. Guter Unterricht muss  schülerzentriert, doch lehrergesteuert sein soll, denn nur so können möglichst viele davon profitieren.

Den auffällig hohen Anteil an Studienabbrechern in Österreich führen die beiden Wissenschaftler auf die Tatsache zurück, dass in der Alpenrepublik fast 50% der Kinder ein Gymnasium besucht. Das sei aus der Sicht der Intelligenzforschung nicht rechtzufertigen, verzerre die Tatsachen und führe später auf der Universität aufgrund der wesentlich komplexeren Inhalte und Strukturen zum Abbruch der Ausbildung.

Aljoscha Neubauer und Elsbeth Stern haben mit „Intelligenz: Große Unterschiede und ihre Folgen“ ein wichtiges Werk vorgelegt, das vielleicht nicht immer gerade besonders spannend zu lesen ist, das aber dem Leser bzw. der Leserin einen umfassenden und aktuellen Blick auf das Thema bietet. Wie in vielen pädagogischen Werke der letzten Jahre spüren wir auch hier große Sorge und Betroffenheit und dass es hoch an der Zeit ist, unser Bildungssystem tiefgreifend zu reformieren. „Intelligenz: Große Unterschiede und ihre Folgen“ ist ein Buch, das es sich lohnt zu lesen!

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Das Buch: Neubauer, Aljoscha und Stern, Elsbeth. Intelligenz: Große Unterschiede und ihre Folgen. München: Deutsche Verlagsanstalt, 2013.

Interessant für:
Allgemein, Pädagogik, Psychologie



[1] de.wikipedia.org/wiki/Intelligenz

[2] www.kooperatives-lernen.de, http://bit.ly/12SqlVJ

[3] Neubauer, Aljoscha und Stern, Elsbeth. Intelligenz: Große Unterschiede und ihre Folgen. München: Deutsche Verlagsanstalt, 2013.

[4] Seite 74

[5] Seite 91

[6] Seite 116

[7] Seite 40

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