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Nicht für den Profit!

23. März 2013

Profit
Martha C. Nussbaum ist US-Amerikanerin, Professorin für Rechtswissenschaften und Ethik in Chicago und hat ein Buch geschrieben. Es heißt „Nicht für den Profit! Warum Demokratie Bildung braucht“ und ist ein Plädoyer für Bildung, die nicht mit Wirtschaftswachstum verwechselt wird.

Nussbaum beschreibt eine Entwicklung der Pädagogik und der Schulen, die sich nahezu ausschließlich auf Wirtschaftswachstum konzentriert. Schulen sind dann gut, wenn sie das Wachstum fördern.

Was für die Wirtschaft gut sein mag – was auch einige Expert/innen aus diesem Fach bezweifeln – , dient noch lange nicht der Bildung junger Menschen. Jedenfalls nicht, wenn wir unter Bildung  die Erziehung zu „gut informierten, selbstständig denkenden und empathiefähigen demokratischen Bürgern“ (S. 32) verstehen.

Wirtschaftswachstum findet auch ohne diese Bildung statt. Die Autorin verweist auf den indischen Bundesstaat Gujarat, in dem zwar das Pro-Kopf-Bruttosozialprodukt gestiegen ist, was aber keinen Einfluss auf die Gesundheit und die Lage der armen Landbevölkerung hatte. Wirtschaftswachstum sagt nichts aus über die Verteilung des Vermögens und das allgemeine Bildungsniveau.

Nussbaum erwähnt den indischen Pädagogen Rabindranath Tagore, der 1913 den Nobelpreis für Literatur erhielt und sich intensiv mit Pädagogik beschäftigte. Sein Ziel war ein über nationales Denken hinausgehendes Bewusstsein zu schaffen, eine Synthese auch zwischen östlichem und westlichem Denken.

Viel ist von seinen Idealen nicht geblieben, stellt die Autorin fest. Die für kritisches Denken nötigen Inhalte wie Literatur und musische Fächer werden erbarmungslos gestrichen, an ihre Stelle ist die einseitige Ausrichtung auf technische Inhalte getreten.

„Bildungskonzepte, die sich ausschließlich in den Dienst von Wirtschaftswachstum stellen, sind in funktionierenden Demokratien kaum zu finden. Eine Demokratie basiert auf dem Respekt vor jedem einzelnen Menschen, das Wachstumsmodell dagegen respektiert nur die Gesamtmenge. Dennoch ordnen sich die Bildungssysteme weltweit immer mehr den Zielen der wirtschaftlichen Entwicklung unter, ohne dass bedacht wird, wie abträglich dies den Zielen der Demokratie ist.“ (S. 38)

In dem Kapitel „Bürger-Bildung“ beschäftigt sich Nussbaum mit den Problemen Macht, Unterdrückung und Reinheitsmythos, letztlich Rassismus. Sie erstellt einen Aufgabenkatalog, an dessen erster Stelle die Entwicklung der Fähigkeit steht, „die Welt aus der Sicht anderer Menschen zu sehen, insbesondere der Menschen, die die Gesellschaft als weniger wertvoll, als „bloße Objekte“ hinstellt.“ (S. 62)

Um das zu erreichen, rät sie zur „Sokratischen Methode“, dem kritischen Hinterfragen nicht nur der anderen, sondern auch der eigenen Meinung. Unkritische Ja-Sager sind nicht nur für die Demokratie, sondern auch für die Wirtschaft ein Problem. Eine Unternehmens„kultur“, die Kritiker/innen verabschiedet, wird sich bald selbst vom Wirtschaftsleben verabschieden müssen. Insofern ist das Buch kein Pamphlet gegen „die“ Wirtschaft, sondern gegen unkritische Verwendung von Begriffen wie „dem Markt“ oder „dem Wirtschaftswachstum“.

Weil eine Rezension nicht ein ganzes Buch beinhalten kann, nur mehr der Hinweis darauf, dass Nussbaum nicht nur in aller Kürze die Entstehung der Reformpädagogik von Sokrates bis Rousseau, von Pestalozzi bis Friedrich Fröbel, von Rabindranath Tagore bis John Dewey beschreibt, sondern auch deren Methoden.

Warum das alles mit Geisteswissenschaften, Literatur und Kunst zu tun hat und warum die Autorin ein k.o. der demokratischen Erziehung befürchtet, steht am Ende des Buches. Samt der Hoffnung, dass alles vielleicht doch nicht so schlimm ist oder sich zumindest einiges zum Guten, der Demokratie nämlich, wenden kann.

Ein wichtiges Buch, das auf 167 Seiten  die Augen öffnet für eine grundsätzliche Diskussion über Bildung und den Blick weitet, über den Tellerrand nationaler Sichtweisen. Nicht nur ist Österreich ein kleines Land in Europa, auch die EU ist nicht sonderlich groß im Vergleich zu Indien oder den USA. Allerdings haben wir etwas, um das uns viele beneiden: ein demokratisches System. Ohne Bildung werden wir es nicht verteidigen können.

 

Das Buch
Nussbaum, Marthe, Nicht für den Profit! Warum Demokratie Bildung braucht, 2012, TibiaPress Verlag, ISBN: 978-3-935254-91-5

Interessant für:
Pädagogik, Politische Bildung, Philosophie

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