magazin24.info

Interessantes für Bildungsinteressierte

Interview MR Gerhard Orth zum Thema Lehrpläne

2. November 2012

Sind Lehrpläne Leerpläne, Herr Ministerialrat Mag. Orth?

Bevor ich diese etwas provokative Frage beantworte, ein paar Hinweise auf die Entstehung eines Lehrplans. Allerdings mit „h“ geschrieben! Zum Verständnis ein Hinweis auf das SchOG, das Schulorganisationsgesetz. Dort steht im § 76 die Aufgabe unseres Schultyps:

„Die Höhere Lehranstalt für wirtschaftliche Berufe dient der Erwerbung höherer wirtschaftlicher Bildung, die zur Ausübung gehobener Berufe in den Bereichen Wirtschaft, Verwaltung, Ernährung, Tourismus und Kultur befähigen.“

Das war vor hundert Jahren eine vergleichsweise leichte Aufgabe, denn die Fähigkeiten, die verlangt wurden, waren relativ genau definiert. In Zeiten des ständigen Wandels – auch der Anforderungen, die Wirtschaft, Verwaltung etc. stellen – ist das kompliziert geworden.

Das Hauptproblem der Lehrplanentwicklung ist seine Dauer. Ich möchte das konkret veranschaulichen. Etwa drei Jahre braucht die Entwicklung bis zur Gesetzwerdung, danach, wenn der Lehrplan gilt, folgt die Umsetzung in den Schulen. Das heißt, die ersten Absolventinnen schließen acht Jahre später ab. Die neuen Lehrpläne beginnen also 2014/15, die ersten Abschlüsse erfolgen 2019/2020.

Unsere Inhalte sollen also junge Menschen für Berufsanforderungen qualifizieren, die 2020 gewünscht werden. Das ist eine große Herausforderung, man braucht nur einen Blick auf andere Institutionen zu werfen. IHS (Institut für höhere Studien) und WIFO (Wirtschaftsforschungsinstitut) machen Prognosen für das jeweils nächste Jahr. Und liegen damit auch nicht punktgenau richtig. Daten für 2020 gibt es von dieser Seite überhaupt nicht. Dafür sind höchstens so genannte „Zukunftsforscher“ zuständig.

Nehmen wir aus der Vergangenheit das Beispiel „Neue Medien“. Vor 20 Jahren gab es gerade das Internet in einer recht einfachen Form. Damals gab es viele Menschen, die das Internet als eine höchst überflüssige Erfindung ohne Sinn und Zweck bezeichneten. Die Erweiterung um graphische Elemente begann gerade, von Smartphones war keine Rede. Unsere damaligen  Lehrpläne konnten diese Entwicklung nicht vorhersehen.

Aber wir sind nicht allein. Den Universitäten geht es genauso. Sie bilden zum Beispiel Wirtschaftspädagogen aus, die etwas lernen, das sie auch in 30 Jahren unterrichten werden? Nein, das ist in diesen Zeiten nicht möglich. Weiterbildung ist daher eine herausragende Berufspflicht geworden, ohne die wir weit hinter den jeweiligen Stand des Wissens und der Technik zurückbleiben würden.

Die Folgerung daraus ist, dass die Lehrpläne Grundlagen bilden – und Fortbildung immer wichtiger wird. Insofern werden die Lehrpläne tatsächlich etwas „leerer“, im Sinne der konkreten Beschreibungen. Wir nennen etwa keine bestimmten EDV-Programme für den Unterricht, sondern es geht um die Kompetenz im Umgang mit dem PC. Grundlagen sind wichtig, die „Feinabstimmung“ erfolgt später. Das Schwergewicht soll sich vom Faktenwissen auf das grundlegende Verständnis von Inhalten verlagern. Erstens sind  Fakten schnell und leicht abrufbar und haben in einem nie zuvor angenommenen Maß zugenommen. Zweitens ändern sie sich – und zwar schneller als früher. Das betrifft auch Gegenstände wie Geographie bezüglich zum Beispiel der Osterweiterung. Was vor kurzem noch ein Fakt war, die UdSSR etwa, existiert heute nicht mehr. Die Lehrer/innen sind hier sehr gefordert.

Warum werden Lehrpläne alle zehn Jahre neu geschrieben?

Das ist eine selbst auferlegte Aufgabe, um die Aktualität der Lehrpläne zu überprüfen und zu adaptieren, Schwerpunkte zu setzen. Ein Punkt ist, wie schon gesagt, das Faktenwissen zu vermindern, aber dafür die Zusammenhänge zu betonen. Sind Ergebnisse plausibel? Kann das sein? Weg vom so genannten „Bulimielernen“ – für die Prüfung lernen und dann alles so schnell wie möglich vergessen – hin zum Verständnis.

Wie rechne ich aus den Angaben Literzahl und Kilometerleistung den Verbrauch für 100 Kilometer aus? Um wie viel Prozent steigt die Umsatzsteuer, wenn sie von 20 auf 25 Prozent angehoben wird? Was ist der Unterschied zwischen Prozentpunkten und Prozenten?

Ist es plausibel, wenn ein bekannter Fußballer einmal forderte, er möchte nicht bloß ein Drittel mehr Gehalt, sondern noch viel mehr, nämlich ein Viertel mehr Gehalt. Oder hat er mit dieser Aussage seine Gehaltssteigerung verringert?

Können sich Lehrerinnen und Lehrer an den Lehrplänen beteiligen?

Selbstverständlich! Grundsätzlich werden die Lehrpläne von Lehrer/innen gemacht, über Expertengruppen aus den Fachbereichen, die von den Landesschulräten nominiert werden. Im HUM-Bereich gibt es außerdem immer wieder „Rückmeldeschleifen“, drei Runden insgesamt. Die Entwürfe der Expertengruppen werden an die Schulen geschickt und kommen von dort wieder zurück an das Ministerium – mit Formulierungsvorschlägen, die von den Lehrer/innen erarbeitet werden.

Eine Steuergruppe im BMUKK, die aus den Landesschulinspektor/innen, der Direktorenschaft, den Fachvorständen und Experten/innen besteht, erarbeitet die Stundentafel, das allgemeine Bildungsziel, die didaktischen Grundsätze und schulautonomen Regelungen.

Die inhaltliche Lehrplanerstellung erfolgt über die erwähnten Expertengruppen aus den Fachbereichen, die von den Landesschulräten nominiert werden. Um das fächerübergreifende Wissen zu betonen, wurden Cluster, also Bündel aus verschiedenen Bereichen eingerichtet, etwa der Cluster „Wirtschaft und Recht“. Das ist allerdings gewöhnungsbedürftig, weil es darum geht, nicht mehr ausschließlich fachbezogen zu unterrichten. Nehmen wir den Cluster „Sprache und Kommunikation“: Hier soll es eine Zusammenarbeit von Sprachlehrer/innen geben. Das ist der Versuch, schon bei der Lehrplanerstellung gegenstandübergreifend zu arbeiten.

Die Ergebnisse werden über die drei genannten Rückmeldeschleifen ergänzt und korrigiert, danach geht es in den normalen Gesetzgebungsablauf: Die Lehrpläne werden anschließend gesetzlich festgelegt.

Können Sie die Kolleg/innen bereits darüber informieren, wie sich die neuen Lehrpläne, die 2014/15 gültig sind, entwickeln?

Den Vorgang habe ich bereits beschrieben. Aber die Lehrpläne sind ja nur die Ouverture. Der Hauptakt, das große Konzert, wenn Sie so wollen, findet in den Schulen statt. Dort geht es um die konkrete Umsetzung. Lehrpläne sind die Grundlage, gelebt werden sie im Klassenzimmer. Dazwischen ist manchmal eine Lücke (neudeutsch: „Gap“) – die Kluft zwischen Theorie und Praxis. Das ist das Hauptproblem: Wie schaffen wir es, diese Ziele umzusetzen? Wie können wir Lehrer/innen in ihrer anstrengenden Arbeit unterstützen? Woran mangelt es unter Umständen? Wie können wir Fehler korrigieren? Für gute Ideen dafür sind wir übrigens dankbar! Es geht ja auch darum,  Lernen sinnlich und sinnvoll zu machen.

Welche Konsequenzen ergeben sich daraus für den Unterricht?

Konzentration auf grundlegende Kompetenzen. Was ist wichtig? Kann ein durchschnittlicher Frisörbesuch tatsächlich € 400 kosten, wie es als Ergebnis bei einer Prüfungsarbeit gestanden ist? Wie hoch sind die Roaminggebühren von Internet-Downloads in Italien oder in Israel? Das wäre ein Beispiel für eine Kostenrechnung, die mit dem Leben der Schüler/innen eng zusammen hängt. Und diese Berechnungen können auf andere, auch betriebliche Kosten angewendet werden. Oder warum in Betriebs- und Volkswirtschaft nicht einmal die Frage erörtern, warum Downloads überhaupt etwas kosten! Es gibt doch keine Leitungen mehr, keine sichtbaren Maste, Drähte, Leitungen.

Das klingt auf den ersten Blick absurd, aber das hat auch damit zu tun, dass wir uns immer mehr in virtuellen Welten bewegen, schließlich haben wir auch bei Einkäufen immer seltener „richtiges Geld“ zur Verfügung, sondern verwenden immer häufiger „unsichtbares Geld“, nämlich das von Kredit- oder Bankomatkarten. Irritationen sind verständlich, aber nicht zu vermeiden. Tempora mutantur, die Zeiten ändern sich. Und zwar immer schneller – ob wir das wollen oder nicht.

Das ist ein guter Anlass, um auf eine ganz konkrete Form zurückzukommen, nämlich die „Oberstufe neu“, die demnächst eingeführt wird. Was bedeutet sie für den konkreten Unterricht?

Eine Menge Arbeit! Konkret bedeutet es, dass die Lehrinhalte bis spätestens 2016/17 auf die jeweiligen Semester aufgeteilt werden müssen, und zwar ab der 10. Schulstufe, in einem so genannten Kompetenzmodul.

In diesen Kompetenzmodulen werden Bildungsaufgabe und Lehrstoff  formuliert. Damit haben Schulen an unterschiedlichen Standorten den gleichen Lehrinhalt. Wechsel zwischen Schulen werden damit erleichtert, auch die Vergleichbarkeit ist damit gegeben.

Ergänzt werden muss noch, dass der jeweils letzte Jahrgang nicht zwei, sondern nur ein sogenanntes Kompetenzmodul hat. Das heißt, das letzte Schuljahr besteht zwar aus zwei Semestern, aber nur einem Kompetenzmodul.

Die Verteilung des Lehrstoffes wird weniger flexibel?

Wenn Sie so wollen, wird das Korsett enger.

Werden die Lehrerinnen und Lehrer rechtzeitig auf diese Änderungen eingestimmt werden?

Wir bemühen uns jedenfalls. Die Fortbildung geschieht über die Arbeitsgemeinschaften und die Pädagogischen Hochschulen.

Herr Ministerialrat Orth, wir bedanken uns für das Gespräch!

 

<el>

Tags: 02 Ministerium · 06 Qualität