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Interview mit Landesschulinspektorin Mag. Brigitte Körbler

17. Oktober 2011

LSI Brigitte Körbler
Interview mit Mag. Brigitte Körbler

Sehr geehrte Frau Landesschulinspektorin, wie sieht Ihr beruflicher Werdegang aus?
Ich habe Französisch und Leibeserziehung studiert und war gerne Lehrerin, zuerst an einer HLW, dann an einer HLT. Als Administratorin einer HBLTW habe ich 20 Jahre lang Schule von dieser Seite kennengelernt. Von 2003 bis 2006 arbeitete ich am Pädagogischen Institut (PIB) zuerst als Bereichsleiterin für HUM, dann als Abteilungsleiterin für BBS und zuletzt als Direktorin für die Berufsbildung. So lernte ich die Welt der Fortbildung sehr gut kennen. Seit 2006 übe ich die Funktion der Landesschulinspektorin für humanberufliche Schulen in Wien mit großer Leidenschaft aus.

Bitte beschreiben Sie den HUM-Bereich, für den Sie als Inspektorin verantwortlich sind: wie viele Schulen, welche Schultypen gehören dazu und wie viele Schüler/innen und Lehrer/innen sind an Ihren Schulen?

Mein Bereich umfasst alle humanberuflichen Schulen: Wirtschaft – Tourismus – Mode – Kunst – Soziales. Das sind in Wien 23 Schulen, die im abgelaufenen Schuljahr ca. 8 460 Schüler/innen mit ca. 1200 Lehrenden unterrichteten. Wir haben 8 große Bundesschulen, 5 Schulen der Stadt Wien, 8 konfessionelle Privatschulen und 2 Schulen der Wirtschaftskammer. Die Schüler/innenzahlen sind wachsend.

Was sind Ihre pädagogischen Ziele? Welche Visionen und Perspektiven sind Ihnen wichtig?

Mein Bestreben ist es, die Eigenverantwortung der Lehrenden und Lernenden wo es geht zu fördern. Wir arbeiten in einer Zeit des Paradigmenwechsels, den wir wahrnehmen müssen. Das Verständnis der Berufe im Bildungsbereich ist auf allen Ebenen im Wandel begriffen. Lehrende werden zu Coaches, Schulleitungen zu Manager/innen, die Schulaufsicht wird zur Koordinatorin von Schulentwicklung, leistet Support im Qualitätsprozess der Schulen. Dieses Umdenken, diese Änderung im Verständnis der Rollen von meiner Position aus zu fördern, klar zu machen ist mir ein Anliegen.
Die Vision dabei ist, die humanberuflichen Schulen als Schulen der Vielfalt zu positionieren, in denen diese neue Haltung gelebt wird. Das bedeutet Schulen zu schaffen, in denen Pädagogen unterrichten, die individualisierende Methoden anwenden; Lernende, die modulare Möglichkeiten der Ausbildung nutzen, die ihre Talente und Interessen entfalten können; in denen jene Räume gestaltet werden können, die Lebensraum bieten, der zum Lernen anregt, eine motivierende Lernumgebung darstellt – Lebensraum HUM! Selbstbewusste junge Menschen, die eine weltoffene Haltung leben, kritisch denken und kreativ Probleme lösen können, die Innovation zulassen, sollen unsere Häuser verlassen.

Wie wollen Sie das eigenständige und selbstverantwortliche Arbeiten der Schülerinnen und Schüler fördern?

Es gibt mehrere Elemente, die ich mir vorgenommen habe und zu deren Realisierung ich so gut wie möglich Support leiste. Q-hum ist dabei natürlich ganz wesentlich. Ich fördere die Anwendung von individualisierenden Unterrichtsmethoden, achte darauf, dass Fortbildungsmöglichkeiten, SCHILF angeboten werden und biete im Rahmen von Q-hum Veranstaltungen mit entsprechenden Impulsen. Als Wiener Initiative habe ich zusätzlich zum bundesweiten Q – Thema Individualisierung der Lernenden und der Lehrenden, das Landesthema Gender Mainstreaming implementiert. Alle Schulen haben bereits Gender Beauftragte und arbeiten jährlich an einschlägigen Projekten.
Ich habe die Initiative „Vielfalt macht Schule – best of hum“ eingerichtet. Hier sollen die Schüler/innen zum Theaterspielen, zum Singen und Tanzen Gelegenheit bekommen, sich mit Kultur auseinandersetzen. Im SJ 09/10 haben wir in einer gemeinsamen Veranstaltung ca. 200 Schüler/innen aus allen HUM-Schulen Wiens auf die Bühne gebracht, zusätzlich haben noch Schüler/innen die Organisation der Veranstaltung übernommen, ein Catering organisiert. Heuer wollen wir mit einem Musical auf die Bühne gehen, alle HUM-Schulen Wiens sind aufgefordert, sich am demnächst stattfindenden Casting zu beteiligen. Theaterspielen fördert das Selbstbewusstsein und die Kompetenz, sich in die Situation anderer Personen einzuleben.
Als weiteres Element liegt mir das Unterrichtsprinzip Politische Bildung am Herzen. Auch hier habe ich Beauftragte implementiert. Zusammenhänge zu verstehen ist wesentlich! Last but not least, rege ich an, hinaus zu gehen, alle Möglichkeiten zu nutzen, die unseren Schüler/innen die Bewährung außerhalb der Schule möglich machen (Auslandsaufenthalte, Fallstudien, Kontakte zur Arbeitswelt etc.). Die Zusammenarbeit mit den Praxisabteilungen unserer Schulen ist dabei ein ganz wesentlicher Faktor. Sowohl Lernende als auch Lehrende sollen ihre individuellen Wege finden können, um die erforderlichen Ziele zu erreichen. Das muss Schule ermöglichen.

Eine gute Fee erscheint und bietet Ihnen an, drei Dinge im österreichischen Schulsystem von heute auf morgen zu ändern: Wir sind neugierig – welche wären das denn?

  • Eine schlankere Bürokratie – zu viele Institutionen sind im Bildungsgeschehen involviert. Das hemmt Innovation.
  • Lehrende, die zu Pädagogen ausgebildet sind.
  • Finanzielle Mittel zur Schaffung des Lebensraums Schule.

Wordrap: Was fällt Ihnen zu diesen acht Themen ein?

Neue Mittelschule
Leider ein Kompromiss.

Frontalunterricht
Eine sehr gute Möglichkeit der Übermittlung von Inhalten, nicht die einzige.

Pädagogische Hochschulen
Eine gute Einrichtung, auf dem Weg der Entwicklung.

Lehrer/innenausbildung heute
Zu wenig Förderung des pädagogischen Bewusstseins und der damit verbundenen Kompetenzen.

Schulferien
Eine schöne Einrichtung, die aber besser genutzt werden könnte (z.B. Lerncamps, Sport, Kultur, Sommerakademie).

Pragmatisierung
Kann problematisch sein, im Ursprung sinnvoll!

Lehrer/innen: Angelegenheit der Länder oder des Bundes?
Zentrale Kompetenz durch Bund vereinfacht innovative Prozesse

Digitale Medien im Unterricht
Auf jeden Fall sinnvoll!

Frau Landesschulinspektorin, herzlichen Dank für das Interview!

Kontakt:

Telefon: +43 1 525 25-77321
E-Mail: brigitte.koerbler(at)ssr-wien.gv.at
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