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Vorles(ung)en: Gut für Kleine, schlecht für Große

15. Juni 2011

Kleine Kinder lieben es, wenn ihre Eltern ihnen abends vorlesen. Wenn sie groß geworden sind, werden sie mit großer Wahrscheinlichkeit gerne Bücher lesen. Allerdings mögen sie es dann vermutlich weniger, wenn ihnen vorgelesen wird. Dennoch sind „Vorlesungen“ ein zentrales Anliegen der universitären Bildung.

Seit Erfindung des Buchdrucks ist ihr Sinn allerdings weitgehend verloren gegangen. Immerhin gibt es einige begnadete RhetorikerInnen, die StudentInnen so fesseln, dass der Lernerfolg gesichert ist.

Oder?

Eine Studie des Nobelpreisträgers Carl Wiemann von der „University of British Columbia“ beweist das Gegenteil. Zwei Gruppen von Studierenden wurde ein Einführungskurs in Physik geboten. In der ersten Gruppe unterrichtete ein erfahrener Universitätsprofessor, der in den Evaluationen stets Bestnoten von seinen StudentInnen erhielt, in der zweiten ein Nachwuchsforscher, dem jede Lehrerfahrung fehlte.

Der Professor brachte den Stoff im gewohnt brillanten Frontalvortrag, der Neuling kombinierte didaktische Methoden –  Multiple-Choice-Test mit Gruppenarbeiten, Lesestoff mit Quiz, Referate mit Diskussionen.

Obwohl die zweite Gruppe mehr arbeiten musste, fand sie daran mehr Freude – und konnte am Ende deutlich mehr als die „Konkurrenz“. Und sie hatte die grundlegenden physikalischen Konzepte besser verstanden.

Nicht weiter verwunderlich? – Kann sein, verwunderlich ist jedenfalls, dass sich die Einrichtung der Vorlesung noch immer an den Universitäten halten kann. Außerdem kommen Untersuchungen in den Schulen immer wieder zu ähnlichen Ergebnissen: LehrerInnen sprechen überwiegend selbst, halten „Vorlesungen“.

In einem Fortbildungsseminar brach eine Kollegin einmal eine Lanze für den Frontalunterricht. „Wir hatten“, erzählte sie, „einen Geographielehrer, der berichtete von seinen Reisen mit einem Engagement, dass wir alle fasziniert waren.“

„Und?“, fragte eine andere Kollegin, „Was hast Du Dir gemerkt?“

Da überlegte sie eine Zeitlang und antwortete dann: „Ich fürchte: gar nichts. Aber der Unterricht hat wenigstens Spaß gemacht.“

Weil das zwar schön ist, aber begnadete Vortragende in freier Laufbahn selten vorkommen und  dem Lernerfolg nicht dienen, ist es an der Zeit, eine Mischung der „alten“ und „neuen“ Methoden anzuwenden.

Erhard Meueler, Professor für Erwachsenenbildung in Mainz, Theologe und Philosoph, hat zahlreiche Bücher zu pädagogischen Themen geschrieben. Eines heißt „Lob des Scheiterns“ und erinnert – wohl nicht zufällig – an Bertrand Russels „Lob des Müßiggangs“. Auch Erhard Meueler weist auf das Positive des gesellschaftlich „Negativen“ hin: Scheitern gehört zum Unterricht wie Fehler zum Lernen.

Aus Fehlern lernen wir bekanntlich. Wer keine Fehler macht, ist perfekt. Oder macht nichts, daher auch keine Fehler. Beide Fälle sind Ausnahmen und benötigen oder wollen keinen Unterricht. Für den großen Rest der Menschheit sind andere Methoden sinnvoll.

„Die Vorlesung kann zur Einführung in ein größeres, weit verzweigtes Gebiet wie beispielsweise hier im Rahmen der Ringvorlesung in das Fach ‚Pädagogik’ von Nutzen sein, hat aber als Kommunikationsform eine Reihe erheblicher Schwächen:

  • ProfessorInnen und Studierende treffen in HÖRsälen zusammen, die von ihrem architektonischen Aufbau und der festen Bestuhlung nur Vorträge, aber keine demokratische Zusammenarbeit aller, kein lebhaftes Hin und Her des Gesprächs zwischen allen Beteiligten erlauben. …
  • … Gemäß lernpsychologischer Studien beträgt die Wahrscheinlichkeit, etwas zu behalten, allenfalls 10 – 20 %, wenn ich nur etwas höre, dagegen schon an die 50 %, wenn die gesprochenen Informationen durch Visualisierung intensiviert werden, 80 % hingegen, wenn ich als Lernsubjekt etwas erarbeite und entdecke. Lernen ergibt sich nicht automatisch daraus, dass irgendetwas gelehrt wird.(Erhard Meueler, S. 125, Hervorhebung durch den Autor)

Mit anderen Worten: Unterricht wird sich vom Frontalunterricht verabschieden müssen, zumindest in dem Ausmaß, in dem er heute noch weitgehend stattfindet. Untersuchungen in Schulen zeigen, dass in Klassen nach wie vor rund 80 Prozent der Zeit „lehrerzentriert“ organisiert sind. Und das im ständigen 50-Minuten-Wechsel der Inhalte.

Das bedeutet nicht die Abschaffung von Vorträgen, aber die Gewichtung sollte geändert werden. LehrerInnen sind Wissensvermittler, aber keine AlleinunterhalterInnen. Und selbst Thomas Gottschalk würde sich schwer tun, jeden Tag mehrere Stunden zu unterhalten. Von der unterschiedlichen Bezahlung wollen wir gar nicht erst reden.

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Das Buch
Erhard Meueler, Lob des Scheiterns, Methoden- und Geschichtenbuch zur Erwachsenenbildung an der Universität, Schneider Verlag Hohengehren GmbH, 2001, ISBN 3-89676-423-3

Weitere Informationen
http://www.sueddeutsche.de/r5D38u/4088848/Mit-Diskussion-und-Klingelknopf.html
Artikel in der Süddeutschen Zeitung

http://www.zeit.de/2011/21/Hochschule-Vorlesung
Artikel in Zeit-Online

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