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Der steinige Weg ins Gymnasium

9. März 2011

„Die dritte Klasse sei noch schön, sagen Manuela Wedlich und Margot Ruthenkolk, Lehrerinnen an einer Grundschule in einem Münchner Vorort, dann komme die vierte, und es gehe ausschließlich um das eine: den Übertritt. Das Lernen erinnere an bulimisches Lernen, erst werde gepaukt und dann das Gepaukte wieder erbrochen – und oft vergessen.“

Die vierte Klasse Volksschule ist in Bayerns Städten eine enorme Herausforderung sowohl für die Kinder und ihre Eltern als auch für die Lehrerinnen und Lehrer. Denn im letzten Grundschuljahr geht es vor allem um eines: den Übertritt ins Gymnasium zu erreichen. Bis Anfang Mai, dem „Tag der Verkündigung”, wie ihn manche indigniert nennen, der Tag, an dem bekannt gegeben wird, wer nun den Aufstieg ins Gymnasium geschafft hat oder nicht, prägt purer Stress den Schulalltag der Kinder – und ihrer Lehrer/innen, gilt es doch, in den Fächern Deutsch, Mathematik und Heimat- und Sachkunde 22 schriftliche Arbeiten gut zu schreiben. Alle anderen Fächer spielen in dieser Zeit kaum mehr eine Rolle. Schafft ein Kind einen besseren Schnitt als 2,33, darf es ein Gymnasium besuchen.

Bei diesen Tests gehe es überwiegend um eines, meint Frau Wedlich, und zwar um das Repro-duzieren von Inhalten und nicht um das Anwenden des gelernten Stoffes. Wer diese Kompetenzen gut beherrscht, wird für das Gymnasium als tauglich befunden. Wer nicht, muss in eine Hauptschule.

Und dieses rigide System erzeugt massiven vielfältigen Druck. Auf die 9-10-jährigen Kinder, die gedrillt werden, sich Lerninhalte kurzfristig anzueignen und wiederzugeben, auf die El-tern, die ihre Kinder dabei unterstützen müssen (ob diese nun wollen oder nicht…) und vor allem auf die Lehrerinnen und Lehrer, die Teil eines Systems sind, das sie in dieser Form oft nicht mehr unterstützen wollen – oder können. Dazu kommt, dass immer mehr Eltern in der Wahl ihrer Mittel wenig zimperlich sind und immer häufiger mit einem Anwalt gegen die Noten bzw die Lehrpersonen vorgehen, um so ihren Kindern den Aufstieg ins Gymnasium zu ermöglichen.

In Österreich dürfte die Situation zwar etwas anders gelagert sein, der Druck in städtischen und stadtnahen Volksschulen aber wohl ein ähnlicher sein. Einen gravierenden Unterschied gibt es freilich: an vielen österreichischen Volksschulen hört der Spaß bereits mit dem Ende der zweiten Klasse auf, werden doch häufig schon die Zeugnisnoten der dritten für einen etwaigen Aufstieg in ein Gymnasium herangezogen.

Peter Abulesz, Direktor einer Wiener AHS, meinte dazu, befragt von der Journalistin Sibylle Hamann, dass „ein irrsinniger Druck auf den Volksschullehrern ist, die Eltern wollen lauter Einser, sonst stehen sie in der Schule und regen sich auf. Viele Volksschullehrer haben längst kapituliert.“

Diese Ansicht bestätigen auch Freundinnen und Freunde aus der Volksschule. Das Klima in vielen dritten und vierten Klassen ist aufgrund der Überbewertung der Zeugnisnoten sehr angespannt und die Kinder machen bereits in dieser frühen Phase ihrer Entwicklung einige sehr unangenehme Erfahrungen. Zum einen, dass der Ernst des Lebens nun endgültig begonnen hat und zum anderen, dass der Spruch „non scholae sed vitae discimus” Wunschdenken ist und besser „non vitae sed scholae discimus” heißen sollte, geht es doch in dieser Zeit vor allem darum, für die guten Noten und das Jahreszeugnis zu lernen, um in das so wichtige Gymnasium zu kommen.

Manche Eltern, nicht wenige davon mit akademischem Hintergrund, die sich noch in der ersten und zweiten Klasse wunderbar in die Klassengemeinschaft eingebracht haben und sehr kooperativ waren, entpuppen sich in der 3. und 4. Klasse dann als Harpyen, denen vieles recht ist, um dem Sprößling den Zugang zum Gymnasium zu ermöglichen.

Es wäre hoch an der Zeit, diese wenig erfreuliche Situation umgehend zu entschärfen und Bedingungen zu schaffen, die den enormen Druck von allen Beteiligten nehmen und die das Lernen und Lehren in der Volksschule zu einem positiven und freudigen Ereignis machen. Zu schade, dass die Bildungspolitik in Österreich so sehr von parteipolitischen Gegensätzen ge-prägt ist, die ein vernünftiges Vorgehen oft unmöglich machen.

Quellen / Weiterführende Informationen

  • Schenk, Arnfried: Elternwille: Fehlanzeige.
    http://www.zeit.de/2010/31/C-Bayern (Zeit, heruntergeladen am 04.03.11)
  • Hamann, Sibylle:
    http://www.sibyllehamann.com/2010/12/mein-lieblingslehrer-von-fruher—und-wie-er-die-schule-von-heute-verandern-wurde.html
    (Artikel aus dem Falter, heruntergeladen am 04.03.11)

(rw)

Tags: 04 Österreich und die Welt