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Surfen Sie schon oder denken Sie noch?

29. Oktober 2010

Jedes neue Medium verändert nicht nur die Gesellschaft, sondern auch das Denken der Menschen. „Das Medium ist die Botschaft“, so prägnant fasste Marshall McLuhan diese Tatsache zusammen noch bevor das Internet erfunden wurde. Die These gilt auch für die Erfindung der Schrift, des Buchdrucks oder des Fernsehens.

Sokrates mochte die Schrift nicht, weil sie seiner Meinung nach die Gehirne verkümmern lassen würde. Nun konnte man „nachlesen“, was man sich vorher „merken“ musste. Der Buchdruck wieder machte das Geschriebene, das bis dahin von Privilegierten wie Geistlichen und Adeligen verwaltet wurde, prinzipiell allen zugänglich. Konkret nur jenen, die sich ein Buch leisten und lesen konnten. Das waren mehr Empfängerinnen und Empfänger als je zuvor.

Neil Postman fürchtete 1985, dass wir „uns zu Tode amüsieren“, wenn das Fernsehen immer mehr an Bedeutung gewinnt. Er negierte bis zu seinem Tod das gerade entstehende Internet, vielleicht, weil ihm das Verdummungspotential der Fernsehsender bereits zu viel war.

Nun also das Internet. Welche Botschaften vermittelt es allein durch seine Existenz? Schnelligkeit jedenfalls, Quantität und vor allem: jederzeitige Verfügbarkeit.
Die deutlich spürbare Folge: ein Mangel an Konzentration. Ein Griff zum Handy und ab in die virtuelle Welt. Mac Donald’s brachte uns „fast food“, das Internet „fast literacy“ oder, um ein Wortspiel zu verwenden: fast Bildung. Eben nur beinahe.

Wer kennt nicht die Diskussionen, bei denen immer wieder Handys klingeln oder, bei dezenten Menschen, in der Hosentasche brummen und um Aufmerksamkeit buhlen! Die Betroffenen stehen – bisweilen – auf und verlassen den Raum, in der falschen Meinung, das störe niemanden. Eine Minderheit, die noch den Regeln einer Diskussionskultur folgt, schaltet errötend ab. Nur vereinzelt gibt es noch Menschen, die ihr Handy vor Beginn der Gesprächsrunde ausgeschaltet haben.

Wer kennt nicht Vorträge, die von Notebooks mit angeschlossenen Menschen bevölkert sind, die ihre „Mails checken“ oder sich von Hyperlink zu Hyperlink hangeln, weil sie nicht mehr in der Lage sind, einem Vortrag zu folgen.

Aber das Jammern über ein neues Medium hilft nicht, weil keine Erfindung je rückgängig gemacht werden konnte. Und so, wie das Fernsehen das Buch nicht eliminiert hat, so wird das Internet nicht das Lesen und Schreiben vernichten oder die gedruckten Zeitungen. Aber es wird die Medien verändern. Und damit uns und unser Denken.

Nicholas Carr hat sich einem Selbstversuch unterworfen. Er surfte und bloggte jahrelang und beobachtete, ob er sich dabei veränderte. Sein Schluss: „Früher war ich ein Taucher in der See der Worte, jetzt rase ich auf der Oberfläche entlang.“

Ein Einzelfall vielleicht. Und doch legen Ergebnisse der Hirnforschung nahe, dass unser Gehirn sich neu formt. Es lernt, sich schnell dem einen Inhalt und kurz danach dem nächsten zuzuwenden, gleichgültig, ob das eine mit dem anderen zusammen hängt. Die User klicken sich durchs Netz – und jeder Klick bedeutet Geld. Nicht für die User, sondern für die Betreiber der Websites. Sie werden für jeden Klick bezahlt und werden alles dafür tun, dass noch mehr und noch schneller „geklickt“ wird. Das Problem dabei: Die meisten Inhalte sind nicht in Sekunden zu verstehen.

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Nicholas Carr, Wer bin ich, wenn ich online bin? – Und was macht mein Gehirn solange? Wie das Internet unser Denken verändert, Verlag Blessing, 2010
Die Zeit, Denken, wie das Netz es will, Uwe Jean Heuser http://www.zeit.de/2010/39/Medienessay-Internet 24. 10. 2010
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