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Mach mal Pause

29. Oktober 2010

Was guten Unterricht ausmacht, ist schwer zu beantworten. Klarerweise sollen alle Lehrpersonen gut vorbereitet in die Stunden gehen, dort die Individualität der Lernenden berücksichtigen, auf ihre Probleme eingehen, einen spannenden Vortrag präsentieren und die Methoden des Gruppenunterrichts beherrschen. Die Beurteilung soll gerecht und objektiv sein, die Leistungen der Schülerinnen und Schüler sollen überprüfbar (= evaluierbar) sein, damit wir beim nächsten PISA-Test besser abschneiden. Selbstverständlich wird der Kontakt mit den Eltern gepflegt, das Klassenbuch in Ordnung gehalten und die Kreativität gefördert.

Dazu kommen noch ein paar andere „Kleinigkeiten“ und so wundert sich niemand, wenn im Schulgebäude viele Menschen gestresst durch die Gegend eilen. Die meisten von ihnen sind Lehrerinnen und Lehrer, denn: „Der Unterricht muss ununterbrochen fortschreiten, alle Schüler möglichst gleichzeitig beschäftigen, und es dürfen in demselben keine peinlichen Pausen vorkommen.“

Das Zitat stammt zwar aus dem Jahr 1883, aber viel hat sich daran nicht geändert. Zu befürch-ten ist, dass, im Gegenteil, die Pause in den Geruch des Überflüssigen geraten ist. Dagegen hilft auch nicht das Zitat von Jean Paul: „Kinder und Uhren dürfen nicht ständig aufgezogen werden. Man muß sie auch gehen lassen.“

Karlheinz A. Geißler, Wirtschaftspädagoge an der Universität München, hat ein wunderbares Buch geschrieben: „Zeit – verweile doch… Lebensformen gegen die Hast“. Darin beschreibt er in einem Kapitel anschaulich das „Problem“ Pause in der Schule. Es gibt sie kaum, denn sie muss gefüllt werden. Mit Aktivität. Und so hecheln Schülerinnen neben dahineilenden Lehrern einher, die ein Klassenbuch übergeben oder eine Entschuldigung besprechen, keuchen Direktorinnen und Direktoren, dass sie demnächst mehr Zeit haben.
Und alle gemeinsam erstarren in Hektik.

Manche Schulen haben bereits einen Ruheraum eingerichtet, in dem nichts wie Stille herrscht. Angeblich ist dieser Raum einer der beliebtesten in diesen Schulen. Denn Stress verhindert gerade das, was in der Schule (und nicht nur dort!) gelernt werden soll: selbständiges Denken.

„Wenn du es eilig hast, lasse dir Zeit“, sagten unsere Vorfahren oder: „Jetzt mal langsam, es eilt nämlich.“ Und ein Biobauer aus der Steiermark meinte, dass „Geduld die größte aller Geschwindigkeiten“ sei.

Joachim Bauer empfiehlt in seinem Buch „Lob der Schule“ den Lehrenden: „Prüfen Sie, ob Sie das Gefühl haben, Sie seien eine vom Zeitdruck, von der Arbeitsmenge oder den Schülern gehetzte Person. Schülerinnen und Schüler erkennen, ob sich Lehrkräfte ‚gejagt’ fühlen und sich jagen lassen: am zu schnellen Schritt, an der geduckten Körperhaltung. … In vielen Kollegien gilt das unausgesprochene Gesetz, man erkenne diejenigen, die fleißig sind, daran, dass sie miese Laune haben. Wer fröhlich ist, ist unseriös.“

In diesem Sinn: Machen Sie eine Pause und lesen Sie. Zum Beispiel das Buch „Zeit – verweile doch…“. Und wenn Sie zu wenig Zeit haben, die Kurzfassung: „Lob der Pause“.

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Karlheinz Geißler, Zeit – verweile doch: Lebensformen gegen die Hast, Herder Spektrum. 2008
Karlheinz Geißler, Lob der Pause: Warum unproduktive Zeiten ein Gewinn sind, oekom Verlag. 2010
Joachim Bauer, Lob der Schule, Heyne Verlag, 2008
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