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Interview mit Hofrätin Mag. Adelinde Ronniger, Landesschulinspektorin in Niederösterreich

29. Oktober 2010

Sehr geehrte Frau Inspektorin Ronniger,
wir freuen uns darauf, einiges über Ihren Bereich in Niederösterreich sowie über Ihre Ziele erfahren zu dürfen!

  1. Wie sieht Ihr beruflicher Werdegang aus?
    Ich war zwölf Jahre Lehrerin an der HLW St. Pölten und unterrichterte dort die Gegenstände BOK und CH; Säuglingspflege, Erste Hilfe und Krankenbetreuung. Dann war ich zwei Jahre in BOK mitverwendet am BORG St. Pölten. In dieser Zeit wurden auch meine beiden Töchter geboren. Seit 1988 bin ich Landesschulinspektorin für die humanberuflichen Schulen und Bildungsanstalten in Niederösterreich. Außerdem habe ich die Ausbildung als Assessorin AFQM und bin bisher dreimal von der Wirtschaft angefordert worden.
  2. Bitte beschreiben Sie den HUM-Bereich, für den Sie als Inspektorin verantwortlich sind: wie viele Schulen, welche Schultypen gehören dazu und wie viele SchülerInnen und LehrerInnen sind an Ihren Schulen?
    Im Schuljahr 2010/11 hatten wir in Niederösterreich 44 Standorte im oben angesprochenen Bereich mit ca 13.500 SchülerInnen und 1.350 LehrerInnen
  3. Was sind Ihre pädagogischen Ziele? Welche Visionen und Perspektiven sind Ihnen wichtig?
    Mein Ziel sind vor allem eigenverantwortliche Schulen, die den Menschen in den Mittelpunkt stellen, mit eigenverantwortlichen LehrerInnen, die professionelle pädagogische Arbeit leisten und kompetenzorientiert und transparent arbeiten. Wichtig ist mir außerdem, offen zu sein für verschiedene Testungen der Zukunft (PISA, Bildungsstandards, teilstandardisierte Reife- und Diplomprüfung).
  4. Wie wollen Sie das eigenständige und selbstverantwortliche Arbeiten der Schülerinnen und Schüler fördern?
    Das versuchen wir in Niederösterreich durch Angebote im Bereich der Freigegenstände und durch unverbindliche Übungen für unsere SchülerInnen zu erreichen. Außerdem bieten wir unseren LehrerInnen laufend Schulungen an, um sie mit neuen Methoden vertraut zu machen.
  5. Eine gute Fee erscheint und bietet Ihnen an, drei Dinge im österreichischen Schulsystem von heute auf morgen zu ändern: Wir sind neugierig – welche wären das denn?
    Ein Anliegen ist mir z.B. die finanzielle Gleichbehandlung der Pflichtschulen und der Höheren Schulen, z.B. durch das Absenken der Klassenschülerhöchstzahlen (Pflichtschule 25 / Höhere Schule 30-36).
    Außerdem wäre es mir wichtig, eine gesicherte Finanzierung von Fördermaßnahmen für die interessierten und auch für die weniger begabten Kinder zu erreichen, dazu auch eine gesicherte Sprachschulung und deren langfristige Finanzierung (Muttersprache und Fremdsprache).
    Schön wäre es darüber hinaus, ausreichend Mittel für neue Lehr- und Lernformen, z.B. Teamteaching, für Projektunterricht in kleinen Gruppen und für cooperatives offenes Lernen (=Cool) mit kleineren Gruppen zu bekommen!

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Wordrap: Was fällt Ihnen zu den folgenden Begriffen ein?

  • Neue Mittelschule
    Gemeinsame Schule für alle mit großem Bemühen und extremem Finanzeinsatz!
  • Frontalunterricht
    Out! Neue Lehr- und Lernformen müssen mit kleineren Klassen passieren, z.B. auch mithilfe von E-Learning oder durch das Arbeiten mit Lernplattformen etc..
  • Pädagogische Hochschule
    Nach den ersten Anlaufschwierigkeiten, insbesondere verursacht durch PH-Online, haben wir nun eine sehr gute Zusammenarbeit mit der Schulaufsicht und außerdem gesicherte AnsprechpartnerInnen an der PH Niederösterreich in Baden.
  • Medienkompetenz
    Diese muss für LehrerInnen und SchülerInnen gesichert gewährleistet werden – noch intensiver: IT-Kompetenz – jeder Arbeitsplatz der Zukunft wird digital sein.
  • Schulferien
    … gibt es ausreichend für SchülerInnen und LehrerInnen. Grundsätzlich spreche ich mich gegen „Herbstferien“ aus (das ist für mich ein Missbrauch der schulautonomen Tage in einer äußerst produktiven Zeit)
  • Finnland
    Ich war vom 25.9. bis 4.10.2010 auf Studienbesuch in Finnland, und zwar an einer  Gesamtschule für Kinder und Jugendliche von 7 – 16 Jahren. (In Finnland gibt es übrigens keine Privatschulen, in die man flüchten kann!). Die Schulwahl erfolgt dort später als bei uns – nämlich mit 16. Erst dann entscheidet man sich fürs Gymnasium oder eibe berufsbildende Schule. In der Oberstufe haben die Finnen ein Kurssystem, bei dem SchülerInnen nicht durchfallen können, es gibt auch keinen Klassenverband.  Anders als bei uns haben die Finnen aber „Krisenteams“ an ihren Schulen (mit Arzt/ DSA/ DGKS/ Psychologe/in und 2 StudienberaterInnen pro Schule!) Die Oberstufe kann nach zwei bis vier Jahren abgeschlossen werden. Obwohl man in Finnland die Einwanderung bewusst fördert, gibt es fast keine Ausländer an den Schulen und, was mich sehr beeindruckt hat, deren Sprachkompetenz wird vor dem Schulbesuch getestet!
  • Lehrer/innen: Angelegenheit der Länder oder des Bundes?
    Soll bleiben wie bisher
  • E-Learning / Blended Learning
    Wir müssten pflichtige Schulungen für LehrerInnen anbieten, damit diese auch eigene Lernmaterialien erstellen können = Lernen der Zukunft!

Kontaktadresse:
Landesschulrat für Niederösterreich
Hofrätin Mag. Adelinde Ronniger

Telefon: +43 2742 280 4420
Mail: Adelinde.Ronniger(at)lsr-noe.gv.at

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