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Lernen und lehren – oder: Der Ernst des Lebens?

15. Oktober 2009

Die Gehirnforschung erzählt uns immer mehr über das Lehren und Lernen. Nicht immer sind die Ergebnisse überraschend. Aber immerhin nun wissenschaftlich gesichert.

Manfred Spitzer, Leiter des „Transferzentrums für Neurowissenschaften und Lernen“ an der Universitätsklinik Ulm, nennt als wichtigste Voraussetzung für das Lernen das Lob. Kinder lernen nicht für gute Noten, sondern für die Anerkennung durch ihre Bezugspersonen. Und zwar länger, als man vermuten würde.

Frühestens mit 16 Jahren können Jugendliche abschätzen, dass Lernen für ihre Zukunft wichtig ist. Bis dahin sind sie vom Lob ihrer Eltern und LehrerInnen „abhängig“. Logischerweise ergibt sich ein Problem, wenn Zehnjährige mit einem Mal nicht für „ihre Lehrpersonen“ lernen sollen, sondern alle 50 Minuten eine andere „Bezugsperson“ haben.

Aber auch später, bei längst Erwachsenen, hat sich bei Versuchen herausgestellt, dass ein Lob ihr Durchhaltevermögen bei Konzentrationsaufgaben erhöht. Um 50 Prozent stieg es, wenn der Versuchsleiter nicht schweigsam neben den Versuchspersonen saß, sondern sie unterstützte mit dem Satz: „Toll, Sie haben bisher ein sehr gutes Ergebnis“.

Im Gehirn spielen sich angenehme Dinge ab. So genannte Botenstoffe werden ausgestoßen, ein Glücksgefühl entsteht. Allerdings wird auch „Lob um des Lobens willen“ erkannt. Wenn eine Sportlehrerin eine etwas dickliche Schülerin zur Reckstange stellt, diese unbeholfen die Stange erklimmt und dann runterfällt, wird die Aussage: „Super, das hast du toll gemacht“ nicht akzeptiert. Ehrlichkeit ist auch hier nötig. Tadel allerdings führt zu Rückzug und Enttäuschung.

Lernen macht glücklich. Diese Aussage stimmt neurobiologisch dennoch. Bei Untersuchungen der Vorgänge im Gehirn wurde festgestellt, dass das „Glückszentrum“ mit dem „Lernzentrum“ ident ist. Lernen und verstehen macht Spaß. Das Gehirn stößt Glücksboten aus, die Ähnlichkeiten mit Drogen haben.

Von all dem berichtet Manfred Spitzer in dem hörenswerten Radiokolleg „Neuropädagogik“.

„Ich glaube, es ist wichtig, dass Lehrer um diese Mechanismen wissen. … Wir wissen, dass Lernen und Glück tief in unserem Gehirn von ganz ähnlichen Strukturen bewirkt werden, die eben dafür sorgen, dass mit positiven Emotionen Dinge, die neu, interessant und besser als erwartet sind, sehr rasch gelernt werden. … Wir wissen im Grunde genommen, dass es gar kein Glückszentrum in unserem Gehirn gibt, wie man früher angenommen hat. Nein, dieses Zentrum ist in Wahrheit ein Lernzentrum. Es bewirkt, wenn etwas positiv für uns ist, … dass Glückshormone ausgeschüttetwerden. Selbst gemachtes Opium. … Wenn man dies weiß, dann versteht man, dass das Gerede der Schule über den Ernst des Lebens ziemlich falsch ist.“

Foto: Christina Kempf

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